Samstag, 14. Juli 2012

Tagebuch einer Verschiffung II und ein Nachruf


Wie versprochen der zweite Teil unseres Tagebuches aus Kolkata.

11.07. Mittwoch: Wir laufen in der Umgebung des New Markets. Es macht aber keinen Spass, überall sieht es gleich aus, Dreck, Elend, viel zu viele Menschen, chaotischer Verkehr. Am Nachmittag gehen wir wieder zur Agentur. Die Ladenbesitzer unterwegs kennen uns schon und grüssen und freundlich. Wir bringen die zweite Rate der Anzahlung – wegen dem Limit am Bankomaten können wir täglich nur eine bestimmte Summe beziehen. Dabei erfahren wir, dass das Schiff zwei Tage Verspätung hat. Das hebt unsere Stimmung naturgemäss nicht wirklich.

12.07 Donnerstag: Heute wäre der letzte Tag, an welchem wir den Abflug nach Malaysia noch verschieben könnten. Darum gehen wir wieder zur Agentur um nachzufragen, ob wirklich alles klappt. Die Antwort ist positiv. Ich bin aber sehr skeptisch, denn wir haben drei Monate Indienerfahrung. Später besuchen wir den Botanischen Garten auf der anderen Seite des Flusses. Leider regnet es fast die ganze Zeit. Das grösste Abenteuer ist die Fahrt zurück mit dem öffentlichen Bus.

13.07. Freitag: Der Tag der Wahrheit! Aber zuerst besuchen wir das „Mutter Teresa Haus“. Hier hat Mutter Teresa mit anderen Ordnerschwestern gelebt und ist nun auch hier begraben. Ein Museum ist ihrem Leben und ihrem Werk gewidmet. Es ist sehr eindrucksvoll was diese zierliche Frau geleistet hat. Nur frage ich mich, wie könnte es denn hier aussehen ohne ihr unermüdliches Engagement? Gibt es denn noch eine Steigerung von dem, was wir hier tagtäglich auf der Strasse antreffen? Es ist für uns kaum vorstellbar. Doch wie man die Situation der 1,5 Millionen Menschen in den Slums und in den Strassen Kakotas verändern könnte, dafür haben wir auch kein Rezept und diese Hilflosigkeit schlägt uns aufs Gemüt.

Am Nachmittag geht es wieder einmal mehr zur Agentur. Zwar müssen wir über eine Stunde warten aber dann endlich halten wir alle Dokumente in der Hand. Das Carnet mit dem wichtigen Ausreisestempel und die „Bill of Lading“ im Original. Dieses Dokument ist enorm wichtig, ohne das Papier würden wir den Container mit dem Brummi in Malaysia nicht freibekommen. Wir sind sehr erleichtert, offerieren der ganzen Belegschaft eine Schachtel  indischer Süssigkeiten und verabschieden uns. Falls jemand die Verschiffung von Kolkata aus wagen möchte, können wir diese Agentur „Nilja Shipping“ empfehlen, obwohl auch hier einige Fehler passiert sind. Doch soll es bei anderen Agenturen weit schlimmer sein, wie wir von anderen Reisenden wissen. Leider kann ich dieses Ereignis nicht mit einem Bier feiern, Alkohol gibt es in Kolkata nur in den sehr teuren Restaurants und Bars.

14. 07. Samstag: Genau vor 14 Tagen sind wir in Kolkata angekommen. Heute Abend fliegen wir weiter nach Malaysia. Hoffentlich wird es dort etwas einfacher, das Auto aus dem Hafen zu bringen. Wir werden sehen und berichten. Weil das Schiff zuerst den Hafen von Singapur anläuft dauert die Fahrt nach Malaysia 9 Tage.


Ein Nachruf

Das Abenteuer Indien liegt (fast) hinter uns. Wir haben viel gesehen und erlebt, wir haben in der Hitze Rajastans und der Kälte der hochgelegenen Gebiete Ladakhs gelitten. Wir haben viele Menschen verschiedener Religionen getroffen  und die Probleme Indiens (ein bisschen) näher kennengelernt. Vor allem die Bevölkerungszunahme betrachten wir als die  grösste Herausforderung der Zukunft für das Land. Am meisten hat uns der chaotische und gefährliche Verkehr auf der Strassen zu schaffen gemacht. Wir sind sehr froh, dass wir so viel Glück hatten und ihn ohne Unfälle gemeistert haben. Denn eine Versicherung hat hier niemand – wir auch nicht. Der einzige Schaden war der kaputte Spiegel, aber das war meine eigene Schuld.

Es gibt ein Sprichwort: Indien kann man lieben oder hassen. Wir haben beide Pole kennengelernt. Es war eine aufregende, anstrengende und nachhaltige Erfahrung – aber sie noch einmal machen möchten wir eigentlich in diesem Leben nicht mehr. 

Dienstag, 10. Juli 2012

Tagebuch einer Verschiffung I


Um von Indien nach Südostasien zu gelangen gibt es zurzeit auf dem Landweg keine Möglichkeit. Uns bleibt als letzte Variante, von Kolkata aus nach Malaysia zu verschiffen. Und Verschiffen heisst, das Auto  in einen Container zu verladen und wir selber müssen fliegen. Um das unglaublich undurchschaubare Vorgehen etwas anschaulicher zu machen werde ich es in Form eines Tagebuches schildern.

30.06. Samstag: Wir erreichen Kolkata am frühen Nachmittag. Chaotischer Verkehr, aber es sind die letzten Kilometer in Indien, tröste ich mich. Die Suche nach einem Hotel beginnt. Das Guest House, das uns Jan empfohlen hat, verfügt nur über einen kleinen Parkplatz, sie erlauben uns nicht dort unser Auto abzustellen. Also weitersuchen, denn wir wollen den Brummi nicht auf der Strasse parkieren. Nach der erfolgreichen Suche gehen wir spät essen und dann ist relaxen angesagt. Das Hotel heisst „Dee Empresa“, ist nicht gerade billig, aber sehr sauber und hat Wi-Fi, das werden wir in den nächsten Tagen unbedingt brauchen
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01.07. Sonntag: Heute ist alles geschlossen, wir verbringen die Zeit mit Stadtbesichtigung. Sehenswert ist nicht viel in dieser Stadt und die Entfernungen sind gross. Am meisten gefällt uns das Victoria Memorial, ein Gebäude aus weissem Marmor, noch aus der Kolonialzeit.

02.07. Montag: Es geht los. Wir haben einige Adressen, die klappern wir ab und lernen eine Menge dabei. Es gibt 20 und 40 Fuss (Länge) Container, dann noch HQ, open top and flat rack Container. Bald stellt sich heraus, dass wir wegen der Höhe unseres Autos einen HQ Container brauchen, Und diesen gibt es in Indien nur als 40 Fuss Container. Heisst, die Angelegenheit wird recht teuer. Übrigens macht uns keiner der Agenten einen Kostenvoranschlag. Angeblich setzt sich der Preis aus vielen Komponenten zusammen, die zuerst abgeklärt werden müssen.
Heute hat es angefangen zu regnen. Auch die Temperatur ist um einiges tiefer. Wir haben den Monsun, der übrigens schon zwei Wochen Verspätung hat, nach Kolkata gebracht.

03.07. Dienstag: Noch einmal kontaktieren wir die gestern angesprochenen Agenturen. Wir werden auf Nachmittag vertröstet, dann auf Morgen. Inzwischen passiert etwas Unerwartetes. Ich will meinen Augen nicht trauen als ich in der Nähe von unserem Hotel einen VW Bus mit französischen Kennzeichen auf der Strasse sehe. Wir lassen dort einen Zettel, bis am Abend meldet sich niemand.

04.07. Mittwoch: Der Franzose meldet sich. Er will sein Auto auch verschiffen und ist bereits in Verhandlungen mit einer Agentur. Da wir ja den 40 Fuss Container brauchen in welchen zwei Autos Platz haben, beschliessen wir zusammen zu spannen. Die Agentur macht uns einen interessanten Preis. Wir werden noch in andere Büros gefahren, viele Formulare werden ausgefüllt und unterschrieben. Es scheint wir haben Glück. Der einzige Wermutstropfen ist, dass das Schiff erst am 13. Juli ablegt.

05.07. Donnerstag: Der erste grosse Dämpfer. Die Agentur teilt uns mit, dass es aus administrativen (rechtlichen?) Gründen nicht möglich ist zwei Autos von verschiedenen Besitzern in einen Container zu laden. Indische Gesetze und Vorschriften folgen einer anderen Logik. Der Traum vom günstigen Preis schwindet dahin, wir müssen den 40 Fuss alleine berappen. Es sind USD 1700, alle Gebühren auf der indischen Seite sollen in diesem Preis enthalten sein. Auch buchen wir den Flug nach Kuala Lumpur für den 14.07., denn eine Flugbestätigung will die Schiffsagentur auch noch von uns.

06.07. Freitag: Der zweite Dämpfer. Das, was wir von anderen Overländern immer wieder gehört haben, nämlich, dass die Zöllner in Kolkata sehr korrupt sind, bewahrheitet sich. Ob das die Agentur gewusst oder erst jetzt erfahren hat, bleibt fraglich. Mit dem Schmiergeld sind die Zöllner gar nicht kleinlich. Gut USD 450 verlangen sie für ihre Diente – eigentlich nur einen Stempel im „Carnet de Passage“, ein Dienst, der bei der Ausreise an einer Landesgrenze noch nie etwas gekostet hat. Das sind in Indien mehr als zwei Monatslöhne eines Facharbeiters. Wir ärgern uns grün und blau. Das Schlimmste daran – wir können dagegen nichts machen, denn der Seeweg ist die einzige Möglichkeit unser Auto aus dem Land zu bringen. Als Alternative käme nur die Ausreise nach Pakistan in Frage und das ist uns zu gefährlich. Das alles wissen die Zöllner natürlich und so können sie ihre Forderungen in die Höhe schrauben.

07.07. Samstag: Heute sind wir genau eine Woche hier. Zuerst scheint nicht viel zu passieren, dann bekommen wir die Nachricht, dass heute das Auto verladen wird. Mit den Leuten von der Agentur fahren wir etwa eine halbe Stunde zum Hafen. Der Container steht bereit. Wir haben grosse Bedenken, ob wir hineinfahren können, denn die Agentur hat mit der Gesamthöhe des Containers gerechnet, aber nicht bedacht, dass der Rahmen für das Einfahrtstor einiges niedriger ist. Ich montiere die Dachluke ab um ein paar Zentimeter zu gewinnen, dann machen wir den ersten, vorsichtigen Versuch. Weitere Massnahmen wären die Luft aus den Reifen rauszulassen. Doch es klappt, der Brummi steht in dem grossen Container ziemlich verloren. Wir lernen als weiteres Wort „lashing“ kennen. Drei Arbeiter mit einem Aufseher kommen um das Auto im Container mit dicken Stahlseilen festzuschnüren. Denn ein Container kann auf dem Schiff selber oder beim Verladen an den Kranseilen bedenklich schwanken. Ich will mir nicht auszumalen wie es ausgehen würde, wenn dabei das Auto anfangen würde im Container hin und her zu rollen. Die Arbeit zieht sich bis in die späten Abendstunden. Nur das vorgesehene Benzinabpumpen wurde „vergessen“, wir reklamieren nicht, denn wir haben den Tank fast halb voll. Der letzte Blick und ein Foto, dann wird die schwere Containertüre geschlossen und versiegelt. Ob wir den treuen Brummi je wiedersehen? Am Montag soll der Container in den Hafen zur Zollinspektion gefahren und dann am 12. Juli auf das Schiff verladen werden. Wenn es alles klappt… Der Weg zurück in die Stadt gestaltet sich sehr schwierig, denn in der Hafennähe ist zu dieser Stunde kein Taxi aufzutreiben.


08.07. Sonntag: Da heute nicht gearbeitet wird hoffen wir auf einen ruhigen Tag. Wir machen Tempelbesichtigungen und eine Bootsfahrt auf dem Ganges.

09.07. Montag: Zuerst fahren wir zum thailändischen Konsulat für das Visa, denn an der Grenze gibt es nur eine Bewilligung für 15 Tage. Beim Mittagessen lernen wir eine Gruppe junger Mädchen aus Spanien kennen. Sie sind für einen Monat hier um Freiwilligenarbeit im „Mutter Theresa Haus“ zu machen. Nachmittag wieder Besuch bei der Agentur. Wir bekommen die Rechnung und gleichzeitig sollen wir eine Unbedenklichkeitsbestätigung des Automobilclubs von Indien vorlegen. Dieser Klub hat wirklich mit uns nicht zu tun, so lehnen wir ab.

10.07. Dienstag: Wir holen die Pässe beim thailändischen Konsulat ab. Wenigstens etwas hat geklappt. Allerdings bringt der Taxifahrer es fertig 146 Rupien auf den Taxameter zu fahren, wo es normalweise um die 90 Rupien kostet. Bei der Rückfahrt machen wir einen Fixpreis von 100 Rupien ab. Beim Hotel sind auf dem Taxameter allerdings nur 55 Rupien. Kaum im Hotel kommt den Anruf von der Agentur, wir sollen die Pässe bringen, der Zoll will die Originale mit den Kopien vergleichen. Es scheint, die Beamten nehmen ihre Arbeit sehr ernst. Kaum haben wir das erledigt und sind wieder im Hotel, folgt der nächsten Anruf von der Agentur. Wir müssen dringend in den Hafen fahren, denn die Leute können die Chassis- und Motornummer nicht finden. Also ab mit dem Taxi zum Hafen. Ein grosses Problem stellt sich uns in den Weg. Es ist in Indien Ausländern nicht erlaubt einen Hafen zu betreten. Also muss eine Spezialbewilligung her. Das braucht seine Zeit und längere Diskussionen, immer höhere Chefs werden geholt. Dann dürfen wir das Gelände betreten. Interessanterweise braucht Romy aber keine Bewilligung, sie kann einfach mitkommen. Der Container wird geöffnet und ich sehe den Brummi wieder – so schnell habe ich es wirklich nicht erwartet. Nach dem Vergleichen der beiden Nummern dürfen wir wieder gehen. Noch ist das Auto nicht durch den Zoll und bis es auf dem Schiff ist kann noch viel passieren. Die Fortsetzung dieser Story folgt sicher am nächsten Tag. Mehr davon im Teil II.

Dienstag, 3. Juli 2012

Die Flucht nach vorn

Seit Manali geht es mit uns nur noch bergab. Das ist wörtlich gemeint, denn nach vielen, vielen Kurven gibt der GPS nur noch um die 200 Höhenmeter an. Entsprechend steigt die Temperatur und bald haben wir im Auto schon wieder über 40 Grad. Die Umstellung ist brutal, die Schlafsäcke werden im hintersten Winkel des Stauraumes versorgt. Unser erstes Ziel im Tiefland ist Chandigarh. Diese Stadt stellt in Indien etwas Besonderes dar, denn sie wurde erst 1952 gegründet. Nach der Trennung von Indien und Pakistan hat der Bundesstaat Punjab seine alte Hauptstadt Lahore an Pakistan verloren. Die neue Regierung wollte ein Zeichen für die Zukunft setzen und beauftragte den Architekten Le Corbusier mit der Planung. Herausgekommen ist eine moderne Stadt, nach Schachbrettmuster angelegt, mit breiten Strassen - in einer Zeit, wo man in Indien nur wenige Fahrzeuge hatte. Die Blöcke, Sektoren genannt, haben Nummern. Wenn man diese nicht weiss, ist man trotz schnurgeraden Strassen verloren, genau wie in den verwinkelten alten Städten Indiens. Die Stadt macht den Eindruck einer europäischen Stadt allerdings mit einer grossen Prise indischem Charme. Der Zahn der Zeit hat auch hier ganze Arbeit geleistet. Aber nicht nur das Aussehen wirkt europäisch sondern auch die Sitten. Zum Beispiel ist heute am Sonntag alles geschlossen, wie in einem kleinen Schweizer Dorf. Und wir brauchen dringend ein Internet Café. Das finden wir schliesslich auch im besten Hotel der Stadt für teureres Geld, ja wenigstens ist es so klimatisiert, dass wir wieder frieren, wie hoch oben in Ladakh. Auch kann Romy in der hoteleigenen Bäckerei das beste Brot, das wir je in Indien gegessen haben, kaufen.


Doch leider, die Nachrichten sind schlecht. Unsere Hoffnung durch Myanmar fahren zu können, müssen wir endgültig begraben. Und da die Chinesen die Einreisebestimmungen nach Tibet drastisch verschärft haben bleibt uns nur die letzte Möglichkeit – das Auto von Kolkata aus zu verschiffen. Kolkata ist aber fast 2000 km weit weg, also liegen einige harte Fahrtage vor uns, denn 300 km am Tag auf indischen Strassen zu fahren, ist schon rekordverdächtig.

 Zuerst wollen wir noch eine heilige Stadt besuchen – Haridwar. Dort verlässt der grösste und heiligste Fluss Indiens, der Ganges, die letzten Ausläufer des Himalayas. Hier beginnt er seine lange Reise quer durch Nordindien bis nach Kolkata. (Ja, genau dorthin müssen wir auch, vielleicht ist es ein gutes Omen hier zu starten) Sein Wasser spendet Abermillionen von Menschen die Lebensgrundlage. Darum ist diese Stelle, diese Stadt, besonders heilig. Tausende von Pilgern kommen jeden Tag, um in den noch recht kalten Fluten des Flusses zu baden. 

Hier wird symbolisch ein neues Leben geboren. Jeden Abend wird eine Zeremonie abgehalten – die Verehrung der lebenspendenden Göttin Ganga. Jeder Platz am Ufer und an den Brücken ist besetzt. Kleine Schiffchen mit einer Kerze und Blüten werden den Fluss hinuntergelassen, Priester schwingen Fackeln, Gesang und Glockentöne erfüllen die Luft. Wir verfolgen das Geschehen in der sehr dicht gedrängten Menschenmasse. Trotz der Erhabenheit wird uns bewusst – wenn hier eine Panik ausbrechen sollte dann gibt es kein Entrinnen…












Dann fahren wir los, langsam kämpfen wir uns vorwärts. Das Autofahren in Indien ist wirklich kein Vergnügen, von dem habe ich schon zu Genüge geschrieben. Nur noch ein kurzes Zitat dazu von einem hiesigen Chauffeur. Er sagte uns: „Um den Tag auf indischen Strassen heil zu überstehen braucht es drei Dinge: erstens eine starke Hupe, zweitens sehr gute Bremsen und drittens, viel, viel Glück. Wir glauben auch, dass uns alle Götter Indiens und Tibets beigestanden sind, damit wir den indischen Chaosverkehr überstehen konnten.

Ungefähr auf halber Strecke treffen wir in Varanasi den Ganges wieder. Hier waren wir ja schon zu Beginn unserer Reise in Indien und kennen ein gutes Hotel mit Schwimmbad (die Temperaturen betragen immer noch 44 Grad im Schatten!). Dort wollen wir in einem klimatisierten Zimmer einen Ruhetag einlegen. Es gibt dort auch eine Bar wo man Bier bekommt, in diesem Land keine Selbstverständlichkeit. Doch zu früh gefreut, in Indien kommt es meistens anders als man denkt. Das Hotel ist ausgebucht, am Parkplatz steht ein Festzelt, eine grosse Hochzeitfeier wird vorbereitet. Also fahren wir weiter. Noch zwei Tage müssen wir bis nach Kolkata durchhalten. Es geht nun etwas schneller, denn die Strasse ist vierspurig ausgebaut, eine indische „Autobahn“ sozusagen, allerdings des Öfteren mit Gegenverkehr auf der Überholspur und anderen Schikanen.

Dann sind wir endlich am Ziel. Der etwa 10 Kilometer lange Stau vor und in der Stadt kann uns nicht mehr abschrecken. Wir suchen ein Hotel mit Parkplatz, Letzteres scheint hier Mangelware zu sein. Kolkata ist wirklich keine schöne Stadt. Man sieht viel Armut auf den Strassen. Nicht umsonst hat Mutter Theresa ihre Wirkungsstätte hier gegründet. Nach zwei und halb Monaten hier sind wir schon etwas „indienerfahren“, aber für einen Neuankömmling muss es ein Schock sein. Doch wir haben keine andere Wahl, wir müssen in dieser Stadt so langeausharren, bis der Brummi auf ein Schiff verladen ist. Übermorgen, am Montag, beginnen wir mit den Verhandlungen. Wir haben nur Schlechtes von anderen Reisenden, die von hier aus verschifft haben, gehört und einen Haufen Warnungen bekommen. Wir sind gespannt, Fortsetzung folgt……………………..

Sonntag, 24. Juni 2012

Das Land hinter den sieben Bergen II


Von Leh aus machen wir verschiedene Ausflüge, zuerst ins Nubra Tal. Es geht über einen Pass von über 5606 Metern, angeblich die höchste mit Auto befahrbare Stelle der Welt. Der Pass ist nicht zu unterschätzen. Auf dem Weg nach Nubra sind wir auf der Passhöhe über zwei Stunden blockiert, weil ein Militärlastwagen einen Achsbruch erlitten hat.
 Zwei Stunden in dieser Höhe ist nicht ganz ohne – die Luft ist dünn, zum Glück müssen wir uns nicht gross bewegen. Auf dem Weg zurück kommt es noch schlimmer – eine Nassschneelawine hat die Piste verschüttet und gleich zwei Autos mitgerissen, es gibt Tote zu beklagen. Eigentlich ist es Unsinn in diesem Gebirge Strassen zu bauen, wo doch nur Nomaden leben. Der Grund ist aber klar – die Grenze zu Pakistan und China ist nah und vor allem ist sie nicht definitiv festgelegt. Jedes der drei Länder macht Ansprüche auf das Territorium des Nachbarn. Darum die enorme militärische Präsenz hier - um das eigene Land zu verteidigen und die Ansprüche zu bekräftigen. (Auf der anderen Seite der Grenze ist es genau so, wie wir in Tibet gesehen haben). So stehen sich in diesem unwirtlichen Gebirge Tausende von Soldaten gegenüber, die acht Monate im Jahr eingeschneit sind - den Steuerzahler freut es. Jetzt, in dieser kurzen Sommerzeit, muss man allen Nachschub hierher bringen, denn im Winter sind die Stellungen nur aus Luft erreichbar. Unendliche Kolonen von Militärlastwagen quälen sich die engen Pistenkehren hoch über Bergübergänge, die schlecht eingestellten Dieselmotoren verpesten die klare Gebirgsluft. Und die anderen Verkehrsteilnehmer sind zum Warten verurteilt.

Unser zweiter Ausflug bringt uns zum Pangong Lake. Dieser grosse See, ein Teil liegt bereits in Tibet, ist eingebettet wie ein blauer Juwel inmitten einer fantastischen Berglandschaft. 


Die ganze Umgebung ist ein Naturschutzgebiet. Von den Wildtieren sehen wir nur Murmeltiere und Wildesel. Um diese Gebiete zu betreten brauchen wir immer eine spezielle Bewilligung, die aber problemlos in Leh zu erhalten ist. An jedem Check Point muss man eine Kopie davon abgeben die dort vermutlich auf Ewigkeit verstaubt.

Als wir aus Leh weiterfahren wollen, passiert uns ein Missgeschick. Romy will noch schnell Geld an einem Bankomaten beziehen. Wir hören schon das angenehme Rattern, wie die Maschine das Geld abzählt als der Strom ausfällt. Jetzt stehen wir da, verdutzt, kein Geld und die Karte kommt auch nicht zurück, dazu ist Sonntagnachmittag, die zuständige Bank natürlich geschlossen. Es bleibt uns nichts anderes übrig als unsere Abreise um einen Tag zu verschieben. Am Montag können wir alles mit der Bank regeln, Romy hat ihre Postkarte wieder und dazu eine Bestätigung, falls das Geld schon abgebucht wurde.

Dann fahren wir los. Die nächste Nacht verbringen wir in der Residenz des Dalai Lama. Leider nicht drinnen sondern nur auf dem Parkplatz davor. Die Residenz wird jetzt auf Vordermann gebracht, man erwartet Seine Heiligkeit ungefähr in einem Monat.


Wir besuchen noch zwei weitere Klöster und dann nehmen wir die berühmt - berüchtigte Manali Highway unter die Räder. Diese Gebirgstrasse, die Manali mit Leh verbindet, ist nur von Mitte Juni bis Mitte September geöffnet, die übrige Zeit sind die Pässe eingeschneit. Sie wurde unter enormen Aufwand gebaut um eine Alternative zu der Srinagar-Strasse zu haben. Auch da hat das Militär seine Hand im Spiel. Das interessiert uns aber nicht, denn die Gebirgslandschaft ist im wahrsten Sinn des Wortes atemraubend.

Wir wähnen uns wieder in Tibet. Hohe Pässe, weite Täler, Seen, tiefe Schluchten, wilde Flüsse und Einsamkeit. Nur selten fährt ein Lastwagen mit Treibstoff nach Ladakh oder ein Jeep, der Fahrgäste von Manali nach Leh bringt. Mühsam kommen wir vorwärts, es gilt insgesamt fünf Pässe zu überwinden, vier davon um die 5000 Meter hoch. Auf der ganzen Länge von 480 Km gibt es keine Tankstelle und so waren wir gut beraten alle Kanister zu füllen, denn der Brummi genehmigt sich wegen der Höhe und der schlechten Piste schon gerne über 22 Liter Benzin. Wir sind drei Tage unterwegs, dann kommt der letzte Pass. Es ist eigentlich der niedrigste von allen, nicht ganz 4000 Meter hoch. Er bildet aber das erste Hindernis für die von Süden anziehenden Wolken und deswegen bekommt er am meisten Niederschläge. Obwohl die vorherigen höheren Pässe fast schneefrei waren, ist dieser noch tief verschneit. Mühsam kämpfen wir uns die Nordseite hoch. Schmelzwasser läuft über die Piste, wilde Gebirgsbäche sind zu durchfahren, es gibt lange Schlammpassagen, wir erleben alle Widrigkeiten zusammen  noch einmal zum Abschied von Himalaya. Dass die Strecke gefährlich ist zeigen mehrere abgestürzte Fahrzeuge, irgendwo in der Tiefe liegend. Am schlimmsten sind die engen Stellen, an welchen wir zwangsläufig am äussersten Rand der brüchigen Piste fahren müssen. Endlich oben angekommen denke ich Höhenkoller zu haben oder sind es vielleicht Halluzinationen? Hunderte von Autos sind am Rande der Piste geparkt, noch mehr Leute tummeln sich an den Schneehängen. Schneemobile fräsen herum, andere reiten oder versuchen sich im Skifahren am Idiotenhügel. Mit Schlitten oder bloss auf einem Gummireifen werden die ersten Erfahrungen im Schnee gemacht. Die Menschen, die sich hier austoben, sind alles indische Touristen aus dem Süden, die meisten sehen Schnee zum ersten Mal in ihrem Leben. Ihr Spass ist unser Frust, denn die Piste ist hoffnungsvoll verstopft. Nicht ein Naturhindernis erschwert uns die Weiterfahrt sondern die vielen Menschen mit ihren Autos. Jetzt am späten Nachmittag wollen sie alle in ihre Hotels nach Manali zurück. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass wir den letzten Abschnitt dieser wilden, aber wunderbaren Strasse von Leh nach Manali in einer Autokolone im „Stopp und Go Modus“ fahren werden. Trotzdem sind wir glücklich die Piste ohne Pannen und heil bewältigt zu haben. Nur der arme Brummi ist wieder verstaubt und schlammbespritzt - wie eh und je.

Samstag, 16. Juni 2012

Das Land hinter den sieben Bergen I


Wir bleiben drei weitere Tage in Zanskar, denn im Kloster Bardan, 12 Kilometer von Padum entfernt, findet ein Klosterfest mit Maskentänzen. Wie ein Adlernest thront das Kloster auf einem riesigen Felsen über einem wilden Fluss. Bei unserer Ankunft ist das Fest schon im vollen Gange. Viele Einheimische sind anwesend, vor allem die Frauen haben ihre besten Kleider und ihren kostbarsten Schmuck angezogen. Romy hat grosse Freude weil einige der Frauen den traditionellen Kopfschmuck, Perak genannt, tragen, den man sonst selten sieht.

Die Mönche führen schier endlose Zeremonien und Handlungen durch, begleitet mit Hörnern und Trommeln. Es werden riesige Muscheln geblasen, geheimnisvolle Kräuter und Flüssigkeiten ins Feuer gestreut, Gebete gemurmelt, Glocken geläutet und vieles mehr. Uns bleibt der Sinn dieser Handlungen verborgen, doch den Pilgern bedeuten sie scheinbar viel und sie werden mit grosser Aufmerksamkeit verfolgt. Das Ganze zieht sich über Stunden, dann wird das Mittagessen gebracht. Dieses Kloster ist nicht so reich und so ist das Essen eher bescheiden, Tsampa – geröstetes Gerstenmehl mit etwas Sosse und Buttertee. Anschliessend kommt, für uns - wie für die Einheimischen, der Höhepunkt des Festes, die Maskentänze.

Die Mönche haben sich im Inneren des Tempels umgezogen und tragen nun teils furchterregende Masken. Begleitet durch eine monotone, scheinbar sich ständig wiederholende, Musik beginnen sie mit ihren Darbietungen. Den Sinn und die tiefe Symbolik bleibt uns, dem unwissenden Zuschauer, fremd, doch die Pilger wissen um ihre Bedeutung und lassen keine Bewegung der Tänzer aus den Augen.

Am nächsten Tag besuchen wir die Residenz vom Dalai Lama. Es ist kaum bekannt, dass ihm in Ladakh drei Residenzen an verschiedenen Orten zur Verfügung stehen, eine davon hier in Zanskar. Wenn Seine Heiligkeit nicht anwesend ist, kann man diese besichtigen. Sie besteht aus einem Tempel, einer Audienzhalle und der privaten Wohnung. Es ist für uns ein komisches Gefühl durch eine fremde Wohnung ohne Wissen des rechtmässigen Bewohners zu laufen. Ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und ein westliches Badezimmer, alles bescheiden eingerichtet, das ist alles. Auch hier begegnen wir Pilgern die sich vor dem leeren Bett des Dalai Lamas zu Boden werfen, denn alles, was Seine Heiligkeit berührt hat, ist für sie heilig. Ein anwesender Mönch segnet sie mit den Flipp-Flopps des Dalai Lamas.


Wir verlassen Zanskar und fahren die Sackgassenpiste wieder zurück an die Hauptverbindungsstrecke. Nach zwei Tagen Rumpelei sind wir froh, eine bessere Strasse unter den Rädern zu haben. Wobei besser wie immer relativ ist. Es geht über zwei Pässe und auf dem zweiten überrascht uns ein Schneesturm. Im Nu wird die Strasse rutschig und wir stehen Stunden zwischen Lastwagen gefangen. Dann kommen wir ins Tal, welches vom mächtigen Fluss Indus durchzogen wird. Er ist einer der vier Flüsse die am heiligen Berg Kailash in Tibet entspringen. Er begleitet uns jetzt bis wir Leh, die Hauptstadt Ladakhs erreicht haben. Ladakh wird „The Little Tibet“ genannt und tatsächlich erinnert uns vieles an Tibet. Nur scheint uns hier alles viel ursprünglicher und das ist kein Wunder, denn hier hat nie eine Kulturrevolution - wie in Tibet - stattgefunden, hier haben keine Roten Garden gewütet. Zerstörungen, die wir hier sehen, wurden alleine durch den Zahn der Zeit verursacht. Die Leute sind sehr freundlich, lachen und es herrscht keine Hektik wie in indischen Grossstädten. Wir haben einen ruhigen Platz bei einem Hotel gefunden, wo wir eine Attraktion für die indischen Touristen darstellen. Ich kann mich nicht erinnern, in meinem Leben so oft fotografiert worden zu sein. Die Angestellten des Hotels sorgen für uns als ob wir ihre Eltern wären. Und als wir einmal aus der Stadt zurückkommen, glaube ich meinen Augen nicht zu trauen, der Brummi ist verschwunden! An seiner Stelle steht ein neuer Wagen, er glänzt als wäre er gerade aus der Fabrikhalle gekommen. Die Hotelangestellten haben ihn so gründlich gewaschen und poliert, dass ich ihn am liebsten gleich ins Museum stellen würde…
Auch hier, in der Nähe von Leh, findet ein Fest statt, das dem Indus, einem der wichtigsten Flüsse Indiens, gewidmet ist. In langen Wagenkolonnen kommen die VIPs an, Minister, Kommissare, Militärs und andere. Die Indienflagge wird mit militärischen Ehren gehisst und lange Reden werden geschwungen. Das alles interessiert uns wenig, wir sind für den kulturellen Teil gekommen. Viele Gruppen aus verschiedenen Ecken Ladakhs tanzen in ihren Trachten. Es ist ein farbenprächtiges Spektakel, begleitet von Trommeln und Hörnern. Am zweiten Festtag ist ein Polo-Spiel auf dem Programm. Wir sind gespannt, denn keiner von uns hat je ein Polo-Spiel live erlebt. Natürlich fängt das Ereignis nicht an ohne die VIPs vorher gebührend zu würdigen. Das Spiel mit je sechs Spielern auf jeder Seite wird mit Ponys ausgetragen. Sie und die Spieler geben alles, denn es ist nicht leicht den Ball mit knapp 10 Zentimeter Durchmesser mit einer Art Schläger zu erwischen. Die Zuschauer feuern die Spieler lautstark an. Am Schluss gewinnt die blaue Mannschaft eins zu zwei. Sie bekommt einen goldenen Pokal vom Minister höchstpersönlich überreicht, die Ponys gehen leer aus. Wir hoffen, dass es für sie am Abend wenigstens eine extra Portion Hafer gibt.

Montag, 4. Juni 2012

Unterwegs nach Ladakh


So sicher, wie uns die Einheimischen weismachen wollten, ist Kaschmir wohl doch noch nicht. In der Nacht hören wir einzelne Gewehrschüsse. Wir hoffen nur, dass keine Kugel sich auf unser Hausboot verirrt. Doch bei etwa 1200 Booten auf dem Dal-See ist die Wahrscheinlichkeit relativ klein. Zwei Tage später lesen wir in einer indischen Zeitung, dass in einer Stadt nördlich von Srinagar von den, wie sie hier bezeichnet werden, „antinationalistischen Elementen“, eine Polizeistation angegriffen wurde und es mehrere verletzte Polizisten gab. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge verlassen wir Srinagar und fahren Richtung Ladakh.

Das Lachen vergeht uns aber schnell. Denn die Strasse hat es in sich, es geht über einen 3507 Meter hohen Pass. An dieser ersten Bergkette des Himalajas fangen sich die Wolken ab und entladen sich im Winter (und manchmal sogar im Sommer) als Schnee. Durch die meterhohen Schneewächten hat die Armee tiefe Schneisen ausgebaggert. In grossen Bächen rinnt das Schmelzwasser über die Strasse und sucht sich den Weg in tiefen Schluchten. Vom Strassenbelag ist nicht viel übrig geblieben. Das alles ginge noch, wenn es nicht den dichten LKW-Verkehr gäbe.

Denn diese Strasse ist der Hauptversorgungsweg für ganz Ladakh. Da die Strecke nur im Sommer für vier Monate geöffnet ist, muss man in dieser kurzen Zeit alle Waren, Lebensmittel und Treibstoff, die Ladakh braucht, hinaufbringen. Einen grossen Teil davon braucht das Militär, das hier oben stationiert ist. Die Grenze zu Pakistan und China ist nicht weit entfernt und umstritten, so markiert man starke Präsenz - ungeachtet der grossen Kosten. Langsam, mit vielen Stopps schiebt sich die schier unendliche Lastwagenkolone den Berg hoch. An einem Tag in die eine, am anderen Tag in die Gegenrichtung, denn das Kreuzen oder Überholen ist praktisch unmöglich. Auf einer Strassenseite geht es senkrecht mehrer hundert Meter hinunter, an der anderen eben so viel Meter hoch. Und in der Mitte davon - gefangen - unserer kleiner Brummi.

In Kargil, einer Stadt auf halben Weg zwischen Srinagar und Leh, biegen wir von dieser Horrorstrasse ab. Wir möchten Zanskar besuchen, eine Distrikt von Ladakh, der noch vor nicht allzu langer Zeit nur zu Fuss oder auf Pferderücken erreichbar war. Nun hat man eine Verbindungspiste zwischen Kargil und Padum, dem grössten Ort in Zanskar, gebaut. Zuerst geht es ganz gemütlich durch das Suru Tal. Das aus den Bergen kommende Schmelzwasser wird zur Bewässerung der Felder genutzt. Hier, in ca. die 3500 Meter Höhe, wird vor allem Gerste angebaut. Die  Felder bilden grüne Oasen in der Sand- und Geröllwüste. In diesem Tal leben vorwiegend schiitischen Moslems, die Bilder der Ajatollahs grüssen uns in den Dörfern.

Dann steigt die ruppige Piste zu einem 4458 Meter hohen Pass an. Hohe, verschneite Berge, Gletscher zum Greifen nah, ein stahlblauer Himmel, bilden Das Panorama. Dicke Murmeltiere huschen über die Piste und zeigen kaum Scheu. Wir haben einen prächtigen Tag erwischt. Und dann geschieht die Wandlung – der erste Chörten taucht auf. Dieser Pass, Penzi La, ist die Grenze zu Zanskar.

Zanskar ist vorwiegend buddhistisch und wir glauben wieder in Tibet zu sein. Die Kleidung der Menschen, Mönche, Häuser, flatternde Gebetsfahnen, Yaks, das alles erinnert uns daran. Padum ist das Verwaltungszentrum mit etwa 700 Bewohnern und besteht aus kaum 200 Häusern, teils sehr schön im tibetischen Stil, teils mit hässlichen Wellblechdächern. Diese Stadt ist acht Monate im Jahr durch die Schneemassen von der Aussenwelt abgeschnitten und darum wirkt hier alles ein wenig provisorisch, so auch die Treibstoffversorgung. Gerade ist das Benzin ausgegangen und das wird zum Problem für uns. Der Rest in unserem Tank reicht nicht aus, um zurück nach Kargil zu kommen. Wann der Nachschub kommt ist ungewiss, es kann Übermorgen sein, oder vielleicht in einer Woche.

Zum Glück finden wir nach langem Suchen einen Hinterhof, wo wir unter abenteuerlichen Umständen 30 Liter tanken können. Es gibt nicht viel in diesem vergessenen Ort, doch ein Internetcafé zeigt den Fortschritt. Gerade als wir die erste E-Mail lesen wollen, bricht die Stromversorgung im ganzen Ort zusammen.

Am Nächsten Tag besuchen wir Karsha, das vielleicht schönste Kloster in Zanskar. Wie ein Adlernest klebt es an einer Felswand. Es gilt viele Stufen hoch zu steigen, dabei merken wir bei der Höhe von 3600 Meter schnell, dass wir noch nicht genug akklimatisiert sind. Im Kloster leben etwa 80 Mönche und es gibt auch kleine Buben als Novizen. Wir besichtigen den Haupttempel mit vielen Statuen des tibetischen Buddhismus als wir einen tiefen Ton hören, den ein Mönch mittels einer riesigen Muschel erzeugt. Was wir zuerst als Beginn einer Zeremonie deuten, entpuppt sich als das Signal für das Mittagessen. Von überall strömen die Mönche in den Klosterhof. Blechteller werden verteilt und darauf schöpfen die Küchenhelfer eine reichhaltige Mahlzeit, bestehend aus Reis, verschiedenen Gemüse- und Kartoffelgerichten und sogar ein kleines Stück Fleisch gibt es. Auch die anwesenden Pilger werden verköstigt und dazu gehören scheinbar auch wir. So müssen wir lernen, wie man mit den Händen isst – Gabel oder Löffel gibt es im ganzen Kloster keine. Das Essen schmeckt ausgezeichnet und so nehmen wir diese Tischsitten in Kauf.

Sonntag, 27. Mai 2012

Klimawechsel


Amritsar – vor 39 Jahren war es für uns die erste indische Stadt auf dem Hippie-Trail. Seit Pakistan unsicher geworden ist verirren sich nur wenige Langzeitreisende hierher. Heute ist die Stadt hektisch, chaotisch und erstickt im Verkehr. Diesmal aber lasse ich mich nicht von Navi in die engen, verstopften Gassen der Altstadt locken und so finden wir ohne Probleme das Guest House. Amritsar ist vor allem die heilige Stadt der Sikhs. Die Anhänger dieser Religion, an ihren turbanähnlichen Kopfbedeckungen erkennbar, wohnen mehrheitlich hier, im indischen Teilstaat Punjab. Der Goldene Tempel ist der Ort, an dem sie ihre heiligen Bücher aufbewahren, die ohne Unterbrechung gelesen werden. Er ist für sie wie der Vatikan für die Christen oder Mekka für die Moslems.

Manchmal kann man in Indien unerwartete Wunder erleben. Wir durchstreiten das Tor zum Goldenen Tempel und gleich befinden wir uns in einer anderen Welt. War es gerade noch erdrückend, rastlos, lärmig und hetzend, ist hier Ruhe. Sphärische Klänge und Gesänge erfüllen die Luft, die Menschen sind ruhig und freundlich miteinander. Sogar die Hitze scheint nicht mehr so erdrückend zu sein wie sie gerade noch draussen war. Der Goldene Tempel, in dem das heilige Buch der Sikhs gelesenwird, steht auf einer Insel inmitten des heiligen Sees, durch einem Steg mit dem Ufer verbunden. Der letzte Guru bestimmte, dass keine Gurus nach ihm kommen werden, sondern dass das Heilige Buch fortan der Guru sein wird. Die Gläubigen lauschen andächtig den Worte des Vorlesers, bringen Opfer dar und baden im heiligen See. Die Sikhs gelten allgemein als tüchtig und tatsächlich ist hier alles perfekt organisiert. Alle Pilger werden unentgeltlich in einer riesigen Kantine verköstigt.Ttäglich werden mehr als 10 000 Essen ausgegeben. So effizient wie hier wird in Indien selten gearbeitet.

Jetzt haben wir die Hitze endgültig satt. Was sollen wir aber tun? Romy findet die einzig mögliche Lösung – wir müssen in die Höhe. Wir finden sie in Dharamsala auf 1800 Meter. Bis wir dieses Ziel erreichen haben wir etwas zu erdulden. Denn gerade heute findet hier ein wichtiges Kricketspiel zwischen Punjab und Delhi statt. Weil die Inder in Kricket mindestens so vernarrt sind wie die Deutschen in Fussball, sind sämtliche Zufahrtstrassen durch angereiste Fanfahrzeuge blockiert. Nichts geht mehr, stundelang stecken wir im Stau.
Das Städtchen Dharamsala war eine „Hill Station“, wo die britischen Kolonialbeamten in heissen Monaten Erholung suchten. Tatsächlich, hier ist es nur noch 34 Grad – herrlich. Endlich können wir wieder tief durchatmen. 1959, als die Chinesen Tibet besetzten und viele Tibeter fliehen mussten, hat die indische Regierung dem Dalai Lama in diesem Ort Exil angeboten. Etwa 10`000 Tibeter sind ihm seither gefolgt. Und so fühlen wir uns hier fast wie im Tibet. Gebetsfahnen flattern im Wind, Mönche in roten Roben eilen hin und her und Frauen in typisch tibetischen Kleidern beherrschen das Strassenbild. Statt „Namaste“ hören wir wieder „Tashi Delek“ und „O mani padme hum“ klingt aus den Lautsprechern. Wir besuchen verschiedene Tempel und sogar eine typisch englische Kirche aus der Kolonialzeit finden wir. Vor allem aber geniessen wir das angenehme Klima. Leider ist der Dalai Lama nicht zu Hause, er ist irgendwo im Ausland unterwegs. 
Sowieso sind die Zeiten, wo man als normaler Sterblicher beim ihm eine private Audienz bekommen konnte, längst vorbei. Der ganze Exilregierungkomplex ist mit hoher Mauer und Stacheldraht umgeben und von indischen Sicherheitskräften bewacht. Nur der grosse Tempel ist der Öffentlichkeit zugänglich.

Nach drei geruhsamen Tages müssen wir wieder hinunter in die Hitze, aber nur für zwei Tage. Unser Ziel ist Srinagar in Kaschmir, das sich durch ein mildes Klima auszeichnet. Doch der Weg hat es in sich. Viele Inder haben zur Zeit Ferien und sie haben das gleiche Ziel wie wir– der Hitze zu entfliehen. So ist die kurvige Bergstrasse völlig verstopft, denn zu ihnen gesellen sich die untermotorisierten Lastwagen und viele Militärkonvois. Langsam, sehr langsam kommen wir voran. Kaschmir ist  seit Jahrzehnten ein Zankapfel zwischen Indien und Pakistan, schon drei Kriege wurden ausgefochten zwischen diesen Ländern und die Grenze besteht nur aus einer Demarkationslinie. Neu kommen dazu noch islamische Fundamentalisten, die im Geheimen von Pakistan unterstützt, für einen Anschluss an Pakistan kämpfen. Darum begegnen wir Soldaten und Sicherheitseinheiten auf Schritt und Tritt. Im Moment ist die Lage ruhig und entspannt, wie uns die Einheimischen bestätigen.
In Srinagar wohnt man auf einem Hausboot. Sie liegen - vielleicht zu Hunderten - vertäut am Ufer des Dal-Sees. Diese Tradition haben die Engländer eingeführt. Sie suchten in dem angenehmen Klima Erholung in den heissen Sommermonaten und die Gegend war ideal dafür. Der Maharadscha hat ihnen nicht gestattet hier Land zu erwerben um Häuser zu bauen. Die Lösung waren die Hausboote. Teils sind es recht grosse Ungetümer mit bis zu vier Schlafzimmern, einem Salon und natürlich mit einem Badezimmer mit Badewanne. Auch ein Balkon über dem Wasser fehlt nicht. Die Boote sind mit altenglischen, aus Holz geschnitzten Möbeln ausgestattet. Heute sind es indische Touristen, die hier Ferien machen. Wie wir bei den Einheimischen herausgehört haben, sind sie aber nicht besonders beliebt. Sie fallen in Horden ein, sind laut und lassen viel Abfall liegen (dieses Vorurteil müssen wir leider bestätigen). Doch sie bringen Geld und so sind zurzeit praktisch alle Hausboote belegt. Nur über den Kontakt mit einer Schweizerin, die hier mit einem Kashmiri verheiratet ist, bekommen wir ein etwas bescheidenes Hausboot, denn wir möchten hier in Ruhe ein paar Tage ausspannen. Und so sitzen wir nun auf der Terrasse über dem Wasser, Ruderboote gleiten vorbei, Leute winken uns freundlich zu, Wasservögel kreisen am Himmel, die Sonne scheint, gerade wird uns ein gut englisches Frühstück serviert – was kann man sich noch mehr wünschen...