Mittwoch, 17. Oktober 2012

Das letzte Stück


Innerlich tief bewegt vom Besuch des Museums der Todesbahn fahren wir weiter Richtung Süden. Es bleibt uns zwar nicht mehr viel Zeit um Malaysia rechtzeitig zu erreichen (wir haben dort einen Termin mit unseren Bekannten aus Singapur vereinbart), trotzdem wollen wir nicht alle Sehenswürdigkeiten am Weg links liegen lassen. Dazu gehören vor allem die schwimmenden Märkte, die an den Wochenenden im Umkreis von Bangkok stattfinden. Das Leben hier spielt sich an den verwinkelten Kanälen ab, das Verkehrsmittel ist das Boot, entweder altmodisch und leise mit einem Paddel oder mit einem lautstarken Motor angetrieben. Viele der Boote sind zu schwimmenden Garküchen oder Läden umgebaut.

Die Ufer sind gesäumt mit Restaurants und, es könnte ja nicht anders sein, denn das alles ist mittlerweile eine der grössten touristischen Attraktionen, mit unzähligen Geschäften, die Andenken, Schmuck, Kleider und allerlei Ramsch an die von Bangkok in grossen Zahl anreisenden Touristen und Einheimischen verkaufen. Und wie es scheint, läuft das Geschäft nicht schlecht. Da wir an diesem emsigen Treiben teilhaben wollen, buchen wir ein Guest House direkt an einem Hauptkanal. Im Nachhinein erweist sich diese Idee aber nicht als allzu gut.

Die Lage am Wasser ist zwar sehr romantisch, aber wie es heisst – nichts ist vollkommen. Nur eine dünne Holzwand trennt uns vom Steg, an dem Hunderte von lauten Touristen und Einheimischen hin und her laufen.

Die weiteren Tage verbringen wir vorwiegend mit fahren. Die Strassen sind gut und je weiter wir uns von Bangkok entfernen, desto mehr nimmt der Verkehr ab. Von der Strasse aus sehen wir oft prachtvolle Wats (buddhistische Klöster mit Tempeln). Doch wir haben in Thailand schon so viele davon gesehen. Es ist fast unmöglich sie alle aus der Nähe anzuschauen. Da Romy mit ihrem eingegipsten Arm etwas mehr Komfort braucht, heisst es an jedem Nachmittag ein Hotel zu suchen. Manchmal erweist sich die Suche etwas schwierig, denn wir fahren durch Gebiete, die sehr selten von Ausländern besucht werden. Alles ist nur in thailändischer Schrift angeschrieben und in unserem Reiseführer sind diese Orte gar nicht erwähnt. Es klappt zwar nicht auf Anhieb aber wir finden immer eine Bleibe.

Eine Zitterpartie ist der Grenzübergang nach Malaysia. Bekanntlich wollen wir dort das Auto einige Monate stehen lassen und darum müssen wir vermeiden, dass der Zoll in unseren Dokumenten einen Eintrag für das Auto macht. Denn dann dürften wir das Auto nur drei Monate in Malaysia stehen lassen und würden, falls wir diese Frist nicht einhalten, bei der Ausreise Probleme wie seinerzeit in Nepal bekommen. Zum Glück ist der Grenzübergang so unübersichtlich und der Verkehr so gross, dass es uns gelingt durzufahren - ohne dass das Zolldokument des Brummis registriert wird. Gleich nach der Grenze tanken wir das sagenhaft billige malaysische Benzin. Nach Sungai Petani, wo wir das Auto bei einer chinesischen Familie einstellen werden, ist es nicht mehr weit. Wir haben es geschafft die lange Strecke durch ganz Thailand ohne eine Panne zu fahren. Oben, ganz im Norden von Laos, im „Goldenen Dreieck“, hat uns der Brummi ja zum ersten und einzigen Mal, seit wir in der Schweiz gestartet sind, wirklich „stehen“ lassen. Weit abseits der Hauptstrecke auf einer kleinen, löchrigen Piste ging während der Fahrt plötzlich der Motor aus. Alle Startversuche blieben erfolglos. Ein Blick in den Motorraum hat mir gezeigt, dass kein Treibstoff mehr in den Vergaser gelangte. Ich untersuchte den Treibstofffilter, doch der schien in Ordnung zu sein. Also wechselte ich die Benzinpumpe aus, die wir glücklicherweise als Ersatzteil dabei hatten. Und siehe da, der Motor sprang auf Anhieb wieder an. Ohne Ersatzpumpe wären wir wohl etwas länger als uns lieb gewesen wäre, im „Goldenen Dreieck“ geblieben. Wir wollten später in Thailand bei der VW-Vertretung eine neue Reservepumpe besorgen und haben erfahren, dass diese in Deutschland bestellt werden muss, Lieferfrist vier Wochen!

 Bei der Ankunft in Sungai Petani bleiben uns sogar zwei Tage als Reserve. Diese verbringen wir mit putzen und aufräumen – bei fast 40 Grad im Schatten, der spärlich vorhanden ist – kein Vergnügen. Wir planen ja im nächsten Jahr das Auto nach Australien zu verschiffen und die australischen Einfuhrbestimmungen sind bekanntlich sehr streng. Nicht einmal ein Klümpchen Erde oder Dreck darf am Fahrzeug haften bleiben. Der Brummi hat ja viele schlammige Pisten in Tibet und am Mekong hinter sich und sieht unten entsprechend aus. An manchen Stellen könnte man Kartoffeln pflanzen… Drei Arbeiter waschen und putzen mit verschiedenen Mitteln den Unterboden den ganzen Vormittag – trotzdem haben wir den leisen Verdacht, es sei immer noch nicht genug für die strengen Augen der australischen Kontrolleure.

Wir treffen uns mit unseren Bekannten aus Singapur, die ihren hier lebenden Eltern einen Wochenendbesuch abstatten. Im Garten von Yits Grossmutterhaus parkieren wir den Brummi im Schatten einer Kokospalme. Die zweite Etappe unserer Reise ist nun zu Ende, der Brummi wird hier auf uns warten und wir fliegen morgen zurück in die Schweiz. Wir freuen uns schon, vor allem auf das etwas kühlere Wetter. Diesmal ist es nicht ganz ohne Pech und Pannen gegangen aber wir drei haben es geschafft. Ich habe die beste Frau und das beste Auto der Welt - ich danke Euch beiden.

Das Schlimmste unterwegs war der Oberarmbruch von Romy. Gleich nach unserer Rückkehr in die Schweiz wird sie zum Arzt gehen. Dort wird der Gips abgenommen und der Arm untersucht. Da wird sich zeigen, ob unsere Entscheidung, nicht sofort in die Schweiz zu fliegen, richtig war.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Es geht weiter

Heute fahren wir ins Spital von Chiang Mai. Es sind 6 Tage seit dem Unfall vergangen. Bis zehn Tage kann man noch operieren, falls es sich als nötig er weist. Wieder durchlaufen wir die ganze Spitalprozedur – Registrierung, Zuweisung zu der zuständigen Abteilung, neue Röntgenbilder, das Gespräch und die Beurteilung durch den Arzt, der Gang zu der Kasse. Dazwischen warten, warten und noch einmal warten. Dann das Gespräch mit dem zuständigen Chirurgen. Er meint, eine Operation würde die Beweglichkeit der Schulter verbessern. Allerdings könne diese auch durch eine Operation nicht mehr zu 100 % hergestellt werden.

Um ganz sicher zu gehen fotografieren wir die neuen Bilder ab Bildschirm ab (heute bekommt man sie auf einer CD) und schicken sie der REGA-Ärztin. Sie hat sie dann einem Chirurgen vom Spital Winterthur zur Beurteilung vorgelegt und er war auch der Meinung, eine Operation sei nicht zwingend. Wir sind glücklich über diese Aussage und entscheiden uns, unsere Reise wie  geplant fortzusetzen - auch wenn es für Romy umständlich ist. Wir wissen noch nicht, ob sie überhaupt im Bus schlafen kann. Das ist aber kein Problem, es hat ja eine Menge von Guest Houses und Hotels hier. Genauso ist es mit Kochen, man kriegt überall was und sonst bin ich gefordert. Ich glaube, für Romy wird die grösste Einschränkung sein, dass sie nicht mehr so gut fotografieren kann. Und einen Gips in dieser Hitze und Luftfeuchtigkeit zu tragen ist auch nicht gerade lustig.


Inzwischen sind, nach der Veröffentlichung des letzten Blogbeitrags, viele liebe Genesungswünsche für Romy eingegangen. Sie möchte sich auf diesem Weg bei allen Bloglesern bedanken. Es tut sehr gut zu wissen, dass man im Unglück nicht alleine ist. Vielen, vielen Dank.

Zuerst besuchen wir Cordula und Jochen, zwei Deutsche, die schon 10 Jahre unterwegs sind. Ihnen ist es gelungen im Jahr 2004 durch Myanmar zu fahren – ein Versehen der Behörden, wie sie glauben, denn seither hat das niemand mehr geschafft, bekanntlich leider auch wir nicht. Sie wohnen seit zwei Jahren in einem Haus in der Nähe von Chiang Mai und der Landrover im Garten wartet bis es wieder weiter geht. Wir verbringen den Nachmittag und Abend mit Erzählen. Es tut immer gut sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und den einen oder anderen Tipp zu bekommen.

Bevor wir Chiang Mai endgültig verlassen wollen wir die „grösste“ Attraktion mit eigenen Augen sehen. Es ist das „Tiger Kingdom“, wo etwa 40 Tiger leben. Nicht die Tiger sind die eigentliche Attraktion, sondern dass man zu ihnen in die Gehege gehen kann - für entsprechendes Eintrittsgeld und unter Aufsicht versteht sich. Dann kann man die Tiger streicheln und sich mit ihnen, wie mit einer Hauskatze, fotografieren lassen. Das findet grossen Zuspruch vor allem bei asiatischen Touristen. Die Tiger lassen sich das ohne Murren gefallen, sie sind alle in Gefangenschaft geboren und an Menschen gewöhnt. Die Frage ist natürlich berechtigt, wie dies mit einer tiergerechten Haltung zu vereinbaren ist.

Nun Fahren wir also weiter. Zuerst geht es in die östliche Richtung zur Grenze mit Myanmar. Nachdem wir das städtische Gebiet um Chiang Mai verlassen haben, sind wir wieder in der Natur, wir durchfahren eine hügelige Gegend mit schönen Reisterassen, dicht am höchsten Berg Thailand vorbei. Mit seinen etwa 2200 Meter ist er aber nicht wirklich ein Riese. Wir bekommen ihn leider nicht zu sehen denn sein Gipfel hüllt sich in Wolken. In der Nähe von Mae Siriang erreichen wir die Grenze zu Myanmar und fahren gut 200 Kilometer an ihr entlang Richtung Süden.

Unterwegs stossen wir auf Dörfer, die eigentlich Flüchtlingslager sind. Die Flüchtlinge kamen über den Fluss und suchten Sicherheit vor der Willkür und Verfolgung des Militärs von Myanmar. Hier werden sie durch thailändische Behörden geduldet und durch internationale Hilfsorganisationen betreut. Die Lager bestehen aus einfachen Bambushütten mit Blätterdach, die dicht aneinander gebaut sind.

Scheinbar werden sie nicht bewacht und die Leute können sich frei bewegen. Sie bebauen kleine Felder in der Umgebung der Dörfer. Wenn aber Romy fotografieren will, ist sofort jemand zur Stelle, der sie darauf hinweist, dass das Fotografieren hier nicht erlaubt ist. Sie verstehen auch kein Englisch und damit ist kein Gespräch möglich. Wir hoffen, dass mit der verbesserten politischen Situation in Myanmar diese Menschen bald nach Hause kehren können.

Unser Ziel heute ist Mae Sot. Hier überspannt eine „Freundschaftsbrücke“ den Fluss nach Myanmar. Ausländer können ihren Pass deponieren und die Grenzstadt in Myanmar einen Tag besuchen. Viele machen es um bei der Wiedereinreise ein neues thailändisches Visum zu bekommen. Hier, über diese Brücke wären wir eingereist, wenn wir die Genehmigung für Myanmar bekommen hätten.

Weiter geht es nun, immer Richtung Süden. Fast jeder kennt den Film oder wenigstens das Lied „Die Brücke am Kwai“. Es gibt sie aber wirklich, hier in der Nähe der Stadt Kanchanaburi. Der Fluss heisst aber nicht Kwai, sondern Khwae. Die Geschichte, die der Film erzählt, beruht auf wirklichen Ereignissen. Im Zweiten Weltkrieg wurde Thailand vom japanischen Militär besetzt, wie auch ein Teil von Birma, dem heutigen Myanmar, die damals eine britische Kolonie war. Ein weiteres Vordringen Richtung Indien wurde vorbereitet. Aus diesem Grund wurde eine Bahnlinie zu der Grenze gebaut um den Nachschub für den weiteren Vormarsch zu ermöglichen. Der Bau wurde vor allem durch Kriegsgefangene ausgeführt. Engländer, Amerikaner, Australier, Holländer und viele andere mussten hier unter unvorstellbaren Bedingungen und oft nur mit blossen Händen schuften. Tausende liessen hier ihr Leben, gestorben an Krankheiten, Unterernährung und der Brutalität der japanischen Aufseher. Ein Kriegsfriedhof mit langen Reihen der Grabsteine zeugt von diesen Verbrechen.

Die Brücke selber ist nun eine Attraktion geworden. Ganze Busladungen, vor allem asiatischen Touristen, werden herangekarrt und dürfen über die Brücke hin und zurück laufen. Am Abend wird sie farbig beleuchtet. Rund herum gibt es eine grosse Anzahl Andenken-Supermärkte, Restaurants und alles, was diese Touristen angeblich brauchen. Der Rubel rollt. Irgendwie ist mir komisch zu Mute, wenn ich denke, wie die Kriegsgefangenen hier damals gelitten haben.

Dann geht es weiter Richtung Süden. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit um Malaysia rechtzeitig zu erreichen.

Wir leben noch.



Donnerstag, 27. September 2012

Wenn einer eine Reise tut…

…hat er nicht nur schöne und angenehme Erlebnisse, sondern auch andere – aber davon später.
Zuerst fahren wir weiter nach Norden. Hier ist Laos sehr hügelig und es leben in dieser Region viele verschiedene Ethnien, Hill Tribes, also Bergstämme, wie sie genannt werden. Um möglichst viel über sie zu erfahren und ihre Dörfer kennen zu lernen, buchen wir eine Tour.


 Bald sind wir aber regelrecht überfordert, denn es gibt so viele Stämme und jeder hat seine eigenen Gebräuche und Trachten, errichtet verschiedene Arten von Häusern, redet unterschiedliche Sprachen und baut vorzugsweise andere Pflanzen an. Früher haben viele der Stämme Opium angebaut. Durch die Politik der Regierung verbunden mit Umsiedlung und der Einführung anderer Verdienstmöglichkeiten ist die Kultivierung von Opium angeblich verschwunden.

„Vielleicht, irgendwo an versteckten Orten in den Bergen ist es noch möglich“, gibt unser Guide zögernd zu. Schliesslich befinden wir uns hier im berühmt, berüchtigten „Goldenen Dreieck“ an der Grenze von Laos, Myanmar und China.“ Angebaut wird aber nur noch für den Eigengebrauch“, betont er. Die Menschen verdienen jetzt ihren Unterhalt mit Kautschuk-Bäumen. Die Folgen für die Umwelt sind umstritten, denn dafür wird der Wald gerodet und es entstehen riesige Monokulturen.

Wir sind jetzt nur noch 19 km von der chinesischen Grenze entfernt. Hier wären wir eingereist, wenn die chinesischen Behörden in diesem Jahr Tibet nicht gesperrt hätten. Eine perfekt ausgebaute Strasse verbindet China mit Thailand, die sonst keine gemeinsame Grenze haben. Riesige Lastwagen pendeln zwischen den beiden Grenzübergängen und geben Zeugnis vom regen Warenaustausch. Ganz gemütlich erreichen wir Houay Xai, eine kleine Stadt am Mekong. Hier verbringen wir unsere letzte Nacht in Laos.


Die Brücke über den Fluss ist noch im Bau, wir müssen eine Fähre benutzen um rüber nach Thailand zu gelangen. Wir verabschieden  uns von diesem magischen Fluss, dem wir auf einer Länge von gut
2000 km gefolgt sind. Leider wird der Abschied anders als wir uns vorgestellt haben. Die Fähre legt am anderen Ufer an, und dann passiert es…

Romy steigt als erste aus, um mich beim Verlassen der Fähre zu fotografieren. Die Ausfahrt ist schlammig, und ohne überhaut reagieren zu können rutscht sie aus und stürzt zu Boden. Während ich mich um die Einreiseformalitäten kümmere, sitzt sie wie ein Häufchen Elend auf einer kleinen Mauer. Es wird auch mir als Laie klar, dass hier etwas nicht stimmt. Zum Glück im Unglück sind wir in Thailand, wo das Gesundheitswesen  recht gut ist und es gibt in diesem Grenzort ein Spital. Unser GPS weiss sogar den Weg und so fahren wir so schnell wie möglich hin. Liebevoll kümmern sich die Krankenschwestern um Romy. Ihre Schulter wird geröntgt und der Notfallarzt stellt die Diagnose – der Oberarmknochen (Humerus) ist gebrochen. Da es in diesem Spital keinen Orthopäden gibt und man glaubt, dass eine Operation nötig ist, schickt man uns in ein etwa 120 km entferntes Spital in der Provinzhauptstadt Chiang Rai. Dort macht man in der Notaufnahme alle Vorbereitungen wie EKG etc. für die Operation. Als der Facharzt nach Stunden kommt – es ist mittelweile spät am Abend – meint dieser, eine Operation sei nicht nötig. So wird den Oberarm und die Schulter vergipst und Romy auf die Station gebracht, sie muss diese Nacht im Spital bleiben. Ich schlafe im Bus auf dem Parkplatz nebenan. Von Schlafen kann man aber nicht reden. Tausende Gedanken kreisen in meinem Kopf. Wird Romy gesund? Wie geht es weiter…

Und so lernen wir ein thailändisches Spital von innen kennen. Eine Erfahrung, auf die wir gerne verzichtet hätten. Das Spital (es ist eine private Stiftung) macht einen guten Eindruck und alle Angestellten sind sehr freundlich. Romy ist hier gut aufgehoben, einzig die Sprache ist teilweise ein Problem. Was uns auffällt, ist eine viel kleinere Anzahl an Krankenschwestern als bei uns. Die Pflege der Kranken wird grossenteils von den Angehörigen übernommen. Es ist auch ganz normal, dass diese die ganze Nacht auf einer Matte schlafend neben dem Krankenbett verbringen. Romy liegt in einem Vierbettzimmer und es sind teilweise bis zu 20 Menschen anwesend, vor allem zu den Essenszeiten. Nach der Arztvisite wird Romy nach Hause entlassen. Doch wir sind bekanntlich zurzeit unterwegs zu Hause. Ob es weitergehen kann ist noch unklar. Da Romy nicht in unser Bett im Auto kriechen kann, checken wir in ein Hotel ein. Die unterschiedlichen Aussagen betreffend einer Operation des Armes verunsichern uns. Romy ruft die REGA (Schweizerische Rettungsflugwacht) an und fragt nach medizinischem Rat. Es funktioniert ausgezeichnet mit Schweizer Präzision. Per E-Mail schicken wir die abfotografierten Röntgenbilder und bald ruft die Ärztin zurück. Es handelt sich um einen Grenzfall, in der Schweiz würde man wahrscheinlich operieren, meint sie. Ihr Ratschlag ist, nach einer Woche Vergleichsbilder machen zu lassen. Dann, je nachdem, wie der Knochen zusammen wächst, muss operiert werden. Romy entscheidet sich erstmals, diese eine Woche abzuwarten. Allerdings fahren wir nach zwei Tagen nach Chiang Mai, der grössten Stadt im Norden Thailands. Ein Tag sind wir unterwegs und testen dabei, ob das Reisen auf dieser Art und Weise überhaupt möglich ist. Chiang Mai hat eine schöne Altstadt mit sehr vielen Tempeln. Das nehmen wir nur am Rande wahr. Uns beschäftigt die Frage, was die neuen Röntgenbilder zeigen werden, denn nach der Auskunft der REGA-Ärztin sollte eine Operation innerhalb von 10 Tagen erfolgen.

Donnerstag, 20. September 2012

Laos – der Norden


Unser nächstes Ziel ist Vang Vieng. Eine kleine Stadt doch ein grosses „Muss“ für jeden Backpacker (Rucksackreisender). Jede Menge von Hotels, Guest Houses, Restaurants und Bars zeugen davon. Zugegeben, die Stadt liegt in einer fantastischen Karstlandschaft an einem Fluss. Das Angebot für das junge Publikum ist gross. Aktivitäten sind angesagt: Trekking, Klettern, Höhlen besichtigen, Kajak fahren und vor allem Tubing, das heisst, sich in einem Lastwagenschlauch mehrere Kilometer den Fluss hinunter treiben zu lassen.
Für viele liegt die Herausforderung allerding darin, unterwegs möglichst viele der Bars am Ufer zu besuchen. Einige sind schon stockbesoffen auf der Flussfahrt ertrunken. Und am Abend gehen die Partys auf der Partyinsel (so wird sie genannt) weiter spät in die Nacht. Das Bier in Laos ist billig, dann so what.





Für uns geht es weiter nordwärts in die Berge. Die Strassen sind in guten Zustand aber sie bestehen nur aus Kurven und so ist die Geschwindigkeit automatisch begrenzt. Von den Aussichtspunkten bieten sich Ausblicke über die fantastische Landschaft – fast wie von einem Flugzeug. Wir fahren zu der Ebene der Tonkrüge. Diesen Namen hat man während des Vietnamkrieges oft in den Nachrichten gehört. Da dieses Gebiet von den laotischen Kommunisten (Phatet Lao) besetzt war, wurde es von den Amerikanern schwer bombardiert, trotz der Tatsache, dass die Tonkrüge eine grosse historische Bedeutung haben. Die deutsche Übersetzung „Tonkrüge“ ist allerdings falsch.
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Die Krüge, die zu Hunderten in der Landschaft stehen, sind aus Stein gefertigt. Sie sind hohl, bis 2.70 Meter hoch mit einem Meter Durchmesser. Einige haben einen Deckel. Wer sie angefertigt hat und zu welchem Zweck ist umstritten. Es gibt viele Deutungen, von Aufbewahrungsgefässen für Wein oder Getreide über Graburnen eines unbekannten Volkes bis zu den Ausserirdischen reicht die Palette. Viele dieser Krüge haben bei den Bombardierungen und Kämpfen schwer gelitten. Auch die Gegend, teilweise immer noch von den Bombenkratern übersät, ist noch nicht komplett von den nicht explodierten Minen gesäubert. Deshalb darf man sich nur auf den schmalen, markierten Wegen bewegen. Eigentlich möchte die Regierung von Laos die Ebene der Tonkrüge zum UNESCO Welterbe deklarieren lassen. Aber so lange das Gebiet nicht sicher ist, wird die Anerkennung abgelehnt. So sind auch hier Expertenteams am Werk und suchen mühsam Meter um Meter nach den in der Erde verborgenen Kampfstoffen. In der Mitte unserer Besichtigung werden wir plötzlich mit grosser Bestimmtheit aufgefordert das Gelände zu verlassen. Aus sicherer Entfernung können wir dann beobachten, wie die gefundenen Bomben zur Explosion gebracht werden. Die Explosionen sind gewaltig, man mag nicht daran denken, wie es damals war, als der Bombenregen auf die Menschen niederging.

Szenenwechsel, wir sind in Luang Prabang angekommen. Diese Stadt hat es in die UNESCO Liste geschafft und das mit vollem Recht. Es ist eine ruhige, wunderbare Stadt. Die Anzahl der Vats (Klöster) ist unüberschaubar. Sie sind keine Museen, in jedem leben Mönche, in jedes kommen Gläubige zum Beten. Morgen früh laufen die Mönche gekleidet in leuchtend orange Gewänder mit ihren Schalen durch die Gassen, wo sie von den Gläubigen schon erwartet werden. Diese legen Reis und andere Lebensmittel oder selten auch Geld in die Schalen. 
Dabei bedanken sich die Spender, nicht die beschenkten Mönche, denn schliesslich haben sie durch die Annahme der Spenden den Gläubigen ermöglicht, eine gute Tat zu tun, was sich dann auf ihr nächstes Leben auswirken wird.

Die Lage der Stadt an der Mündung des Nam Khan Flusses, welcher hier mit dem Mekong zusammenfliesstt, ist einzigartig. Fast zu drei Vierteln ist sie von Wasser umgeben. So spielt sich das Leben hier zu einem grossen Teil am Wasser ab. Wir haben Glück, dass gerade jetzt ein Langbootrennen stattfindet.

Die Boote sind über 30 Meter lang und festlich geschmückt, die Mannschaften jeweils in einer einheitlichen Farbe gekleidet. Angetrieben von 50 Ruderern, die jeweils zu zweit nebeneinander im Langboot sitzen, erreicht das Gefährt eine unglaubliche Geschwindigkeit. Es fahren immer zwei Boote in einer Runde um den Sieg. Da es Dutzende von Teams gibt, dauert das Rennen den ganzen Nachmittag. Wir finden aber nicht heraus, wie die Ausscheidung genau vorgenommen wird. Es ist aber auch nicht wichtig, denn das Ganze ist hauptsächlich ein Volksfest. Die Strassen sind für den Verkehr gesperrt und die ganze Stadt ist mit Kind und Kegel auf den Beinen. Jeder Platz am Ufer ist besetzt und für die, die nicht hier sein können, gibt es eine Liveübertragung im Fernsehen.

Auch das Wetter ist uns hold und so geniessen wir den Aufenthalt hier. Wir besuchen (fast) alle grösseren Vats, das Museum im ehemaligen Königpalast, machen einen Bootausflug auf dem Mekong zu einer Höhle, in den angeblich Tausend Buddha Statuen stehen und anschliessend zu einem „Whisky“ Dorf, wo aus gegorenem Reis auf eine recht primitive Art und Weise Schnaps gebrannt wird. So schlecht ist er aber nicht, stellen wir nach einer Kostprobe fest. Auch Wasserfälle in der Umgebung entgehen unserer Aufmerksamkeit nicht. Am besten dort gefallen uns allerding die jungen Elefanten mit welchen man gemeinsam ein Bad unterhalb des Wasserfalls nehmen kann. Romy zeigt wieder einmal ihre gute Seite und kauft ihnen einen Bund Bananen. Ein bisschen unsicher wirkt sie dann schon als sie ihnen die Bananen einzeln reicht.


Mittwoch, 12. September 2012

Laos – unsere ersten Eindrücke


 Die Nationalstrasse Nummer 13 führt dem Mekong entlang. Oft allerdings in einiger Entfernung, so dass wir den Fluss nur ab und zu sehen. Doch wir machen auch Abstecher ins Landesinnere. Der erste ist eine Rundfahrt durch das Bolaven Plateau. Es liegt um die 1000 Meter über Meer und das allein schon lockt uns, denn wir hoffen ein paar Tage in etwas kühlerer Umgebung verbringen zu können. Und so sind die Sehenswürdigkeiten hier vor allem Wasserfälle. Das kristallklare Bergwasser stürzt sich teilweise mehr als hundert Meter über die Felsen hinunter. Wir atmen etwas auf, denn die Temperaturen auf dieser Höhe sind um etwa fünf Grad niedriger als unten am Mekong. Die Gegend ist bekannt für den Anbau und die Verarbeitung von Kaffee. 
Die laotische Zubereitungsart von Kaffee ist für uns etwas ungewohnt. Ein Glas wird etwa zu einem Viertel mit süsser Kondensmilch gefüllt, dann wird eine sehr schwarze Brühe drauf gegossen. Es schmeckt nach Kaffee und es ist sehr süss und natürlich sehr kalorienhaltig. Man sagt, ein Kaffee-Lao, wie sich das Gebräu nennt, ersetzt eine Mahlzeit.

Den nächsten Abstecher starten wir in Thakhek. Wieder geht es in die Berge, diesmal zu einem Stausee. Das Gefälle in den Bergen und die grossen Niederschläge nutzt man zur Stromproduktion. Da Laos wenig Industrie hat wird der Strom zu 95 Prozent nach Thailand exportiert. Riesige Hochspannungsleitungen überspannen den Mekong, der hier die Grenze bildet. Wir fahren zuerst durch ein wunderschönes Karstgebiet mit vielen Höhlen. Beim Kraftwerk beginnt die Strasse zu steigen bis der Stausee erreicht ist. Leider hat man die Bäume vor dem Stauen nicht gerodet. Sie stehen nun abgestorben im Wasser - als stumme Zeugen vom schnellen Profit. Die überflutete Biomasse fault und gefährdet den Fischbestand. Ein weiterer Zeuge ist die Strasse. Bis zum See ist sie gut ausgebaut, danach verwandelt sie sich in eine üble Piste.

Ich muss mich etwas umgewöhnen, eine solche Piste sind wir seit Ladakh nicht mehr gefahren. Zum Glück regnet es nicht, denn der rote Laterit Boden wäre sonst sehr rutschig. Mit einer Geschwindigkeit von 20 Km/h erreichen wir bei Lak-So wieder eine asphaltierte Strasse. Es ist nicht mehr weit zur vietnamesischen Grenze. Während der kriegerischen Auseinandersetzung verlief hier der berühmte Ho-Chi-Min Pfad. Aus diesem Grund haben die Amerikaner die ganze Gegend jahrelang schwer bombardiert. Verhältnismässig zu der Einwohnerzahl ist Laos das Land, auf das die meisten Bomben abgeworfen wurden, man schätzt über 2 Millionen Tonnen. Die meisten waren sogenannte Streubomben, von welchen jede einzelne bis 680 kleine, etwa tennisballgrosse Bomben erhielt. Bei Tests wurde nachgewiesen, dass bis zu 30% dieser Bomben nicht explodiert sind. Diese tödliche Fracht liegt nun überall verstreut und heute noch passieren fast täglich Unfälle. Sehr oft sind Kinder betroffen.

Verschiedene Organisationen versuchen das Land zu säubern und wir haben Gelegenheit eine Gruppe bei der Arbeit zu beobachten, natürlich aus sicherer Entfernung. Das grösste Problem ist, dass die meisten Gebiete nun dicht mit Vegetation überwachsen sind. Diese muss sehr vorsichtig entfernt werden damit die Mettaldetektoren überhaupt eingesetzt werden können. Jede Fundstelle wird mit einer rotweissen Stange markiert. Am Ende des Tages werden die gefundenen Bomben mittels einer Sprengladung zur Explosion gebracht. Es ist eine gefährliche und langwierige Arbeit. Jährlich säubern die Gruppen etwa 40 Km². Da aber schätzungsweise 87 000 Km² betroffen sind, wird ihnen die Arbeit noch lange nicht ausgehen.
Wir erreichen Vientiane, die Hauptstadt von Laos. Es ist eine angenehme Stadt. Der Verkehr hält sich in Grenzen, das Zentrum ist übersichtlich und alles was ein Reisender braucht ist in ein paar Strassen zu finden – Hotels, Geschäfte mit Schweizer Schokolade, gute Restaurants und Cafés mit feinem Cappuccino, Bäckereien mit gutem, dunklen Brot, Geschäfte mit Weinen aus aller Welt und, und, und. Dazu Bankomaten die freundlich bis zu zwei Millionen auf einmal herausgeben um das alles zu finanzieren, eine gelbe Post Card genügt. 


Sehenswürdigkeiten gibt es eigentlich nicht sehr viele und so lassen wir alles langsam angehen. Sowie so, die grösste Sehenswürdigkeit ist der Mekong. Majestätisch fliesst er an der Stadt vorbei. Die neue, pompöse Uferpromenade tut dem keinen Abbruch. Jeden Abend versammeln sich hier die anwesenden Touristen und viele Einheimische um den Sonnenuntergang zu beobachten. Zugegeben, es ist jetzt in der Regenzeit etwas schwierig, doch wir haben gleich am ersten Abend Glück – der Sonnengang wird fast perfekt (80% sagt Romy). Lange könnte man in dieser Stadt verweilen und das Leben geniessen, doch nach drei Tagen heisst es für uns weiter zu ziehen. Der Mekong wird uns weiter bis in den hohen Norden von Laos begleiten


Dienstag, 4. September 2012

Regenzeit in Kambodscha


Ohne Probleme erreichen wir die Hauptstadt Kambodschas, Phnom Penh. Die Strasse führt durch eine schier endlose Ebene mit Reisfeldern, die jetzt in der Regenzeit wunderbar frisch grün sind. Ja, unsere Reiseplanung war nicht in jeder Hinsicht optimal…aber wenn man verschiedene Länder / Gebiete besucht, kann man nicht überall zur besten Zeit sein. Nun ist es aber nicht so, dass es dauernd ohne Unterbruch regnen würde, es sind teils heftige Regenschauer, die höchstens zwei Stunden dauern, selten länger. Dadurch liegen die Temperaturen nur noch bei 35 Grad, die Luftfeuchtigkeit allerdings bei 80 – 90 Prozent, echt ätzend. Aber das Land in dieser Zeit zu erleben ist auch eine Erfahrung wert.

Phnom Penh ist eine aufstrebende Stadt, die ersten Hochhäuser streben bereits zum Himmel. Was wir so oft gehört haben – Kambodscha sei sehr korrupt – bewahrheitet sich gleich. Wir fahren in eine Polizeifalle und schon sind wir 5 USD los, ohne uns eigentlich irgendwelcher Schuld bewusst zu sein. Auch das Bezahlen ist speziell in Kambodscha, alle grösseren Beträge werden in amerikanischen Dollars bezahlt. Da es aber keine Münzen gibt, bekommt man als Retourgeld dann die einheimische Währung Riel zurück.

Es ist unglaublich wie viel Leid das Land in der jüngsten Vergangenheit erleiden musste. Die Herrschaft der Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 lastet schwer auf der älteren Generation. Damals wurden, je nach Schätzungen, zwischen zwei und drei Millionen Kambodschaner brutal ermordet, oder sind an Hunger und Krankheiten, bedingt durch den Krieg, gestorben (ein Drittel der kambodschanischen Bevölkerung). Alles nur, weil man eine reine kommunistische Gesellschaft aufbauen wollte. Alle, die scheinbar in diese Gesellschaft nicht passten, seien es Gebildete, Mönche, solche die eine fremde Sprache beherrschten oder auch nur Brillenträger waren (das galt als intellektuell), wurden kurzerhand eliminiert. Das eindrucksvolle Zeugnis dieser Terrorherrschaft kann man im ehemaligen Sicherheitsgefängnis sehen, das in ein „Genozides Museum“ umgewandelt wurde. Waren es Menschen oder Tiere, die dieses unermessliche Leid dem eigenen Volk angetan haben? Wir haben in der Schule gelernt, was für Gräueltaten die Nazis im Zweiten Weltkrieg verübt hatten. Für uns war das eine ferne Vergangenheit. Die Roten Khmer aber haben in den Siebzigerjahren gewütet – in einer Zeit, in der wir in Europa ein gutes Leben führten. Der Westen, vor allem die USA, haben nichts unternommen, wollten davon gar nichts wissen, obwohl sie auch an der politischen Entwicklung in Kambodscha beteiligt waren.

Doch es gibt zum Glück auch schönere Dinge hier in der Hauptstadt, der Königspalast und die Silberpagode, um einige Sehenswürdigkeiten zu nennen. Man kann hier auch sehr gut essen, vielleicht eine Hinterlassenschaft der französischen Kolonialherren. Ein Fischfilet mit einer sämigen Sosse – ein Gedicht. So etwas habe ich nicht mehr gegessen seit wir die Schweiz verlassen haben.

Hier treffen wir auch das erste Mal auf den Mekong, die Lebensader Südostasiens. Hier in Phnom Penh mündet ein anderer Fluss in den Mekong, der Tonle Sap. Und das ist vielleicht der einzige Fluss auf der Welt, der seine Fliessrichtung ändert. In der Regenzeit, wenn der Mekong Hochwasser führt, fliesst er „rückwärts“ und füllt den riesigen Tonle Sap See mit Wasser. In der Trockenzeit fliesst dann das Wasser zurück in den Mekong und weiter in sein Delta in Vietnam.

Wir werden nun dem Mekong lange Zeit bis nach Nord - Laos folgen. Doch bevor wir Kambodscha verlassen, wollen wir noch die seltenen Flussdelfine sehen. Mit einem kleinen Fischerboot mit einfachem Aussenbordmotor kreist unser Bootsmann im überfluteten Wald, denn die Tiere halten sich nicht gern in der starken Hauptströmung auf. Die Fahrt zwischen den Bäumen ist allein schon ein Erlebnis. Wir wollen schon fast die Hoffnung aufgeben, die Tiere zu Gesicht zu bekommen, doch dann haben wir aber Glück – wir sichten eine Gruppe. Die Flussdelfine sind viel kleiner als ihre im Meer lebenden Verwandten, sind aber gleich verspielt.

Der Grenzübergang nach Laos ist problemlos ausser dass die Beamten gerne ein Trinkgeld hätten. Und gleich danach kommt ein weiteres Highlight – die Mekong Wasserfälle.


Auf einer breiten Front stürzen sich die gewaltigen, braunen Fluten etwa 15 Meter in die Tiefe. Gischt sprüht und ein Donnern erfüllt die Luft. Hier mussten die Franzosen in der Kolonialzeit ihre Träume von einem durchgehenden Wasserweg bis nach China begraben. Aber klein beigeben wollten sie auch nicht. Sie haben grosse Verladerampen, eine Brücke und eine sieben Kilometer lange Eisenbahn quer durch die Mekong Inseln gebaut um auf dieser Weise die Wasserfälle zu umgehen. Auf der Trasse dieser Eisenbahn kann man heute wunderbar Fahrrad fahren und die grüne tropische Landschaft bewundern, in der die alten Dampflokomotiven vor sich hin rosten. Da Romy nach dem Unfall in Siem Reap aber noch nicht in die Pedalen treten kann, haben wir uns für diese Rundfahrt ein kleines Motorrad gemietet.


In Laos sind wir übrigens wieder Millionäre geworden. Für einen Franken bekommen wir ungefähr 8000 Kip. Der Bankomat spuckt freundlich grade auf einmal eine Million davon aus. Doch so schnell wie sie kommt, so schnell ist sie wieder weg…

Samstag, 25. August 2012

Kambodscha – Vergangenheit und Gegenwart


Hi-Tech begrüsst uns gleich an der Grenze, wir werden fotografiert, mit einem Gerät der neuesten Generation werden uns Fingerabdrücke abgenommen und gespeichert. Genau gesagt nur bei Romy, bei mir belässt es der Grenzbeamte bei einem Bild. Hat er die Fingerabdrücke vergessen oder sehe ich vielleicht harmloser aus? Das Zollbüro finden wir nicht und so fahren wir weiter. “Never ask the government too much” ist unsere Devise. Gleich hinter der Grenze stehen mehrere Kasinos. In Thailand ist das Glückspiel verboten und das nutzen die Kambodschaner natürlich aus.

Unser nächstes Ziel, Siem Reap, ist der Ausgangpunkt für die Besichtigung der weltbekannten Tempeln um Angkor Wat. Doch zuerst haben wir etwas Wichtigeres vor. In Siem Reap befinden sich zwei der fünf Spitäler, die Dr. Beat Richner, bekannt in der Schweiz unter seinem Künstlernamen Beatocello, in Kambodscha gegründet hat. Heute, wie an jedem Samstag, gibt er ein Konzert. Dabei spielt er Cello und erzählt von seiner Arbeit. Und die ist wirklich beeindruckend. Die leidenden Kinder in Kambodscha (wo nach der Vertreibung der Roten Khmer alles zerstört war) vor Augen und mit einer grossen Portion Idealismus im Herzen hat er seine gutgehende Kinderarztpraxis in Zürich geschlossen und sich dem Gedanken verpflichtet, den kambodschanischen Kindern zu helfen. Mit Schweizer Perfektion hat er seitdem fünf Kinderspitäler aufgebaut – drei in Phnom Penh und zwei hier in Siem Reap. Die Behandlung der Kinder in diesen Spitäler ist kostenlos und darum ist er auf Spenden angewiesen. Von der kambodschanischen Regierung kommt wenig, zu arm ist das Land. Die Schweiz deckt mit 4 Millionen Franken knapp 10% des Budgets ab, alles andere sind private Spenden. Wie wir uns überzeugen konnten, ist dieses Geld gut angelegt. Gerade jetzt, in der Regenzeit, herrscht eine Dengue-Fieber-Epidemie. Nur sehr wenige Kinder überleben diese Krankheit ohne entsprechende Behandlung. Kinder im Dengue -Fieber -Schock können nur mit einer Bluttransfusion gerettet werden. Darum brauchen die Spitäler nicht nur viel Geld sondern auch viele Blutkonserven. Aus den Worten des Beatocello hört man viel Engagement aber auch eine gewisse Verbitterung – er muss um jeden Franken kämpfen damit er seine Arbeit hier machen kann. Und von denen, die dieses Elend mitverursacht haben (gemeint sind die USA mit ihrer Politik) hört er nur Ausreden.

Falls jemand von unseren Lesern etwas Gutes tun möchte, die Nummer des Spendenkontos in der Schweiz ist 80-60699-1, die Spende kann bei der Steuererklärung abgezogen werden. Nach dem Konzert haben wir Gelegenheit mit ihm persönlich zu reden. Romy bekommt einen Termin, um im Spital für ihren Artikel im „Limmatthaler“ fotografieren zu können.

Am  nächsten Tag gehen wir dort hin. Dr. Richner nimmt sich die Zeit für uns und zeigt uns mit Stolz ein Teil des Spitals und erklärt uns die Zusammenhänge. Dabei wird er ständig durch sein Mobiltelefon unterbrochen. Von den kambodschanischen Angestellten wird er höflich mit „Sir“ angesprochen. Die Blicke der Mütter, die mit ihren Kindern auf Entlassung warten, sind mit Dankbarkeit erfüllt. Denn es ist allen klar – ohne sein Lebenswerk würden viele dieser Kinder nicht mehr leben oder den Rest ihres Lebens behindert bleiben.

Szenenwechsel: Die Tempel um Angkor Wat bilden die grösste Tempelgruppe der Welt und der Haupttempel Angkor Wat, der zum UNESCO Kulturerbe gehört, ist der weltweit grösste Einzeltempel. Es überrascht uns deshalb nicht, dass wir hier auf eine riesige Menge, vorwiegend chinesischer, Touristen treffen. Bereits diskutiert man über eine zahlenmässige Begrenzung der Besucher. Der Schönheit und Erhabenheit der Tempel tut der Rummel keinen Abbruch, die besondere Atmosphäre, die diese Anlagen ausstrahlen, geht dabei aber leider verloren.

Wir stehen mit unserem Auto im Garten eines kleinen Hotels. Als wir am ersten Tag müde und von Eindrücken überwältigt von den Besichtigungen zurückkommen, will Romy das schwere, eiserne Schiebetor öffnen. Unglücklicherweise fällt dieses um und klemmt ihr dabei den Fuss ein. Durch ihre Schreie alarmiert eilen Leute herbei, helfen das schwere Tor zu heben und Romy aus ihrer misslichen Lage zu befreien.

Doch der Fuss ist bös zugerichtet, im Augenblick schwillt er stark an. Wir haben grosse Befürchtungen, dass etwas gebrochen sein könnte. Das Hotelpersonal bringt Eis und versucht die Schwellung und den Schmerz zu lindern. Ich suche inzwischen unsere Medikamentenkiste durch. Das Einzige, was geeignet scheint, ist ein Gel für Sportverletzungen. Nach einiger Zeit kann Romy humpelnd mit Unterstützung das Zimmer erreichen wo ich den Fuss verbinde.


Romy ist bekanntlich „hart im Nehmen“, so ein „kleiner“ Unfall kann ihr (fast) nichts anhaben. Am nächsten Tag will sie unter keinen Umständen im Bett bleiben. Die steilen Treppen der Tempel kann sie aber auch nicht rauf und runter steigen. Darum machen wir eine Bootstour zum schwimmenden Dorf in Tonle Sap See. Der Wasserspiegel dieses Sees verändert sich im Lauf des Jahres um einige Meter. Darum schwimmt in diesem Dorf alles – Häuser, Läden, Schule, Polizeistation, Restaurants und sogar der Tempel und die Kirche. 

Das Leben spielt sich ausschliesslich auf dem Wasser ab, Kinder fahren mit kleinen Booten zur Schule und die Händler rudern mit ihren schwimmenden Läden von Haus zu Haus, eigentlich von Boot zu Boot. Die Bewohner leben vom Fischfang und der Krokodilzucht. Manchmal werden diese gefährlichen Tiere sogar im unteren Teil des Hausbootes gehalten. Das Zuschauen bei der Fütterung mit Fischen ist eine schaurige Angelegenheit.

Romy geht es von Tag zu Tag ein wenig besser, darum wagen wir uns an weitere Besichtigungen der Tempel von denen es unzählige gibt. Wir haben die Qual der Wahl, entweder die Grossen und Bekannten mit vielen Touristen oder die Kleinen, bei denen wir fast alleine sind. Romy will jeden Tempel besichtigen, schliesslich hat das Ticket 40 USD gekostet. Und ich kann hiermit bestätigen, dass sie nur einen einzigen ausgelassen hat. Um wirklich alle zu sehen steigt sie sogar in einen Ballon, der an einem 200 Meter langen Seil rauf und runter gelassen wird.


Aber es gibt hier noch viel anderes zu sehen. Zum Beispiel die „Silk Farm“. Und da unser Projekt bekanntlich „Die Seidenstrasse“ heisst, fahren wir dorthin. Zum ersten Mal können wir den ganzen Prozess der Seidenherstellung mitverfolgen, von den Maulbeerbäumen angefangen, deren Blätter für die Nahrung der Raupen dienen, dem ganzen Lebenszyklus der Seidenraupe, dem Spinnen, Färben, Weben, Nähen bis zum fertigen Produkt im Fabrikladen. Wir haben viel Neues gesehen und erfahren, doch nun ist es Zeit weiterzufahren, das nächste Ziel ist die Hauptstadt Kambodschas, Phnom Penh.