Dienstag, 12. Juli 2011

Die Perlen an der Seidenstrasse.

Die Städte Khiva (deutsche Schreibweise Chiwa), Buchara und Samarkand sind unsere nächsten Stationen. Die Namen sind vielleicht die berühmtesten Städtenamen auf dem langen Weg vom Mittelmeer bis nach China. Tausende Karawanen machten hier Halt und erholten sich vom  Kräfte zehrenden Weg durch die Wüsten. Und genauso wie heute war auch damals die Erholung und Sicherheit nicht umsonst. Die Herrscher dieser Städte wussten genau um den Wert der Ware und verlangten ihren Anteil in Form von Zöllen. So wurden sie unermesslich reich, konnten ihre Städte durch hohe Mauern umgeben und in ihrem Schutz prächtige Paläste, Moschen und Medresen (Koranhochschulen) bauen. Wenig hat sich von dieser Pracht bis in die heutigen Tagen erhalten, doch das Wenige lässt staunen.
Die erste Stadt auf unserem Weg ist Khiva, in einer Flussoase am Amu-Darja Fluss gelegen. Rund herum eine glühende Wüste, so heiss, dass schlafen im Auto fast unmöglich ist. Das Auto heizt sich während des Tages so auf, dass es bis Mitternacht dauert, bis die Hitze etwas entwichen ist. Und morgens um sieben Uhr ist schon wieder zu heiss. So gehen wir öfters in ein Hotel oder Guest-House. In Khiva liegt es genau gegenüber dem westlichen Tor. Vier Tore, für jede Himmelrichtung eines, gewähren den Zugang in die Stadt. Dort wähnt man sich in einem lebendigen Museum. Nicht umsonst ist diese Stadt in der UNESCO Weltkulturerbeliste enthalten. Wir können vom Balkon aus dem geschäftigen Treiben am Tor zusehen und uns gut vorstellen, wie es damals war, als die beladenen Karawanen durch dieses Tor die Stadt betraten. Heute sind es nicht mehr Händler, sondern Touristen, die hier das Eintrittsgeld entrichten und die Stadt betreten. Die Pracht der alten Bauten ist geblieben, das Angebot in den Bazaren hat sich geändert. Andenken aller Art sind zu haben. Wahrscheinlich  ist, dass es sich dabei um Ware wie damals auch „made in China“ handelt. Von den Kamelen haben wir nur eines gesehen. Es arbeitet hart als Fotomotiv im Dienste der Tourismusindustrie. Am schönsten ist die Stadt am Abend, wenn die Tageshitze nachgelassen hat und die untergehende Sonne die Lehmmauer in ein mildes Licht taucht.

Dann fast zwei Tage Fahrt durch die Wüste nach Buchara. Die längste Baustelle, die ich je „erfahren“ durfte. Über 130 km ist die Strasse im Bau. Mühsam plagen sich die modernen „Kamele“ in Staubwolken eingehüllt durch unzählige Löcher und Bodenwellen der Umfahrungspiste. Unterwegs übernachten wir in der Wüste. Wir haben eine Aussendusche, aber sie fasst nur 10 Liter Wasser, also 5 Liter pro Person. Das reicht gerade um den gröbsten Staub abzuwaschen. Die ganze Nacht hören wir das Geklapper und Motorenheulen der Lastwagen. Überall hat es viel Sand und deswegen können wir nicht weit von der Strasse wegfahren um etwas mehr Ruhe zu haben.
Am nächsten Tag wird die Strasse besser, die Landschaft grüner und gegen Mittag sind wir in Buchara, der nächsten Perle an der Schnur die Seidenstrasse heisst. Wir haben zwar von anderen Overlandern Angaben, wo man in der Stadt gut mit einem Wohnmobil stehen kann. Gut ist gut, in dieser Hitze aber unmöglich. Wir finden eine Bleibe in einem Guest-House mitten in der Altstadt. Alle Sehenswürdigkeiten Bucharas liegen gleich um die Ecke. Das Erste Mal begegnen wir hier mehr als nur vereinzelten Touristen. Buchara ist einfach schön. Um das zentrale Wasserbecken gruppieren sich restaurierte Medresen und Bazare. Auch da ist das Angebot auf die Touristen ausgerichtet. Lebensmittel und Ware des täglichen Gebrauchs kauft man natürlich auch im Bazar, aber in der Vorstadt, nicht hier im historischen Zentrum.  Das ist zum Glück autofrei und so können wir gemütlich von einer Sehenswürdigkeit zur anderen schlendern, belästigt nur von den Souvenirhändlern. Die Kalon Mosche mit gleichnamigem Minarett dient wieder dem Glauben. Zur Sowjetzeit wurde sie als Lagerhaus verwendet. Doch nur wenige Gläubige verlieren sich in den Hallen, die bis zu 10’000 Menschen Platz bieten. Usbeken sind eben keine fanatischen Moslems. So ist der Zutritt auch überall erlaubt und Alkohol wird gern getrunken.

Nach drei Tagen fahren wir Richtung Samarkand. Unterwegs besuchen wir die Stadt Shahrisabz. Hier wurde Timur, auch Tamerlan genannt, der grausame Herrscher und Eroberer, geboren. Sein Reich erstreckte sich von Ägypten bis nach China. Er lies Menschen zu Tausenden bestialisch ermorden und ganze Städte dem Erdboden gleich machen. Heute wird er von den Usbeken (obwohl er streng genommen gar kein Usbeke war) in Ermangelung anderer historischer Persönlichkeiten verehrt. Wahrscheinlich braucht jede Nation eine Identifikationsfigur? Darum steht auch hier eine übergrosse Statue von Timur. Das wäre so weit für uns noch verständlich, weniger verständlich ist, dass sich bei der Statue Hochzeitpaare fotografieren und filmen lassen. An diesem Samstagvormittag zählen wir sage und schreibe gut  zwanzig Hochzeitpaare, die zeitweise sogar warten müssen, bis die Statue „frei“ wird. Die Braut ist immer in weiss, etwas unsicher ins Brautleid gezwängt, mit sehr ernsthafter Miene. Trauert sie den Mädchenjahren nach oder ist es ein Teil des Spiels? In Usbekistan heiraten die Frauen sehr jung, mit 25 Jahren ist eine Frau schon „unverkäuflich“. Die Hochzeiten werden meist von den Familien arrangiert. Und wenn ich das Treiben an der Timur Statue beobachte, kommt mir in den Sinn, dass ich gar nicht weiss, wie man die Mehrzahl von Bräutigam schreibt.
Zwischen Shahrisabz und Samarkand liegt ein Pass von etwa 1700 Meter Höhe. Die Temperatur oben ist mit 32 Grad ganz angenehm, darum beschliessen wir hier die Nacht zu verbringen. Doch ein sehr starker Sturm rüttelt unablässig am Auto. Eben, wie es heisst – nichts ist vollkommen…
Samarkand, die letzte der drei Perlen. Um die Sehenswürdigkeiten voll zur Geltung zu bringen hat die Stadtverwaltung ganze Stadteile abreissen lassen und, wo es nicht ging, hat sie die alten, niedrigen Häuser hinter einer Mauer „versteckt“. So wirken die grossartigen Bauten entsprechend imposant, doch gleichzeitig ist das alles etwas künstlich. Wir stehen immer wieder voll Stauen vor diesen grossartigen Bauwerken, die die Jahrhunderte kriegerischer Auseinandersetzungen, Naturgewalten wie Erbeben und Stürme überdauert haben - sogar die Zeit der kommunistischen Herrschaft, die der Religionen wenig zugetan war. Riesige Kuppeln, bedeckt mit fein gearbeiteten, glasierten Ziegeln  ragen zusammen mit unzähligen Minaretten in den blauen Himmel. Leider hat man mitten drin für eine folkloristische Grossveranstaltung im August eine riesige Zuschauertribüne gebaut, die den Gesamteindruck erheblich stört.  Eben – nichts ist vollkommen…… Eine ganze „Strasse“, wo ein prächtig dekoriertes Mausoleum neben dem anderen steht, erstaunt uns von Neuen. Der Bazar ist neu und unvorstellbar riesig. Ganze Hallen mit Ständen voll Obst, Gemüse, Trockenfrüchten. In klimatisierte Räume werden Fleisch und Milchprodukte verkauft. Alles was ein Mensch braucht kann man hier finden. Es wird gefeilscht und gehandelt und es herrscht  ein Kommen und Gehen. Frauen in bunten Kleidern und goldenen Zähnen verkaufen frisch gebackenes Brot auf der Strasse. Angeblich sind goldene Zähne hier ein Schönheitsideal und ein Wohlstandsymbol. Auch für das leibliche Wohl ist gesorgt. Kleine Restaurants servieren Schaschlik - Spiesse, dazu kann man sogar Bier vom Fass  haben. Das wäre für mich allerdings ein Killer bei dieser Hitze. Am Abend im  Hotel ja, aber nicht hier. Unser Hotel, eigentlich ein Guest-House, ist ein Backpacker Treffpunkt schlechthin. Wie treffen hier einige Bekannte, wie Thomas, der mit einem Motorrad in die Mongolei fährt und andere. Das Auto steht vor dem Hotel in der prallen Sonne, gestern hat der Thermometer im Innern 52 Grad gezeigt. Uns geht es bei der Siesta im Zimmer mit Klimaanlage bedeutend besser. Auch der Internetzugang ist vorhanden, so erfahren wir, dass es sich bei den in Pakistan entführten Schweizern nicht um unsere Bekannte handelt (aber wir fühlen mit den Betroffenen). Wir haben uns schon grosse Sorgen deswegen gemacht. (siehe den Artikel „Baby on Board in diesem Blog“, die richtige Adresse von Jan, Lilian und Lola ist übrigens „blog.jan-kunz.net“ also ohne www)


Auch in Samarkand bleiben wir fast drei Tage. Morgen fahren wir  nach Taschkent, der Hauptstadt Usbekistan. Taschkent ist eine neue, moderne Stadt, dort werden wir sicher keine grossartigen Denkmäler der Vergangenheit finden, aber bestimmt viele andere interessante Dinge. Nachher erwartet uns ein neues „stan-Land“ nämlich Tadschikistan.                

Montag, 4. Juli 2011

Neuland genannt „-STAN“

Nun werden wir eine Reihe Länder bereisen, deren Namen alle auf „-stan“ enden. Wir beginnen mit Turkmenistan. Der erste Eindruck von Turkmenistan ist: Romy ohne Kopftuch und im T-Shirt. Gleich nach dem wir den ersten Schritt über die Grenze gemacht haben, hat sie das Tuch vom Kopf gerissen. Der zweite Eindruck: die iranische Bürokratie beim Grenzübertritt wird übertroffen. Unzählige Büros, unzählige Formulare, unzählige Unterschriften. Und Dollars wollen sie auch, viele Dollars. Für Visa, Einreisetaxe, Versicherung, Kompensation von Treibstoffkosten, Desinfektion vom Fahrzeug (die aber nicht stattfindet) und Anderes. Für alles zusammen lassen wir bei der Einreise 250 USD liegen. Endlich sind wir durch und fahren nach Ashgabat, der  Hauptstadt. Plötzlich taucht sie wie eine Fata Morgana aus dem Hitzendunst vor uns auf.


Was hier aus der Wüste gestampft wurde ist schierer Wahnsinn. Riesige Hochhäuser mit Marmor verkleidet, Verwaltungsgebäude mit farbigen Kuppeln, der Präsidentenpalast natürlich mit goldenen.  Viele Verwaltungsgebäude, es scheint alles hier hat eine eigene Verwaltung, sogar Abfalleimer und die zu gross geratenen Polizeimützen. Polizei ist überall präsent, an jeder Ecke stehen Beamte. Dementsprechend wird auch anständig gefahren und parkiert, denn die Polizei scheint kein Pardon zu kennen. Sogar das Fahren mit einem schmutzigen Auto wird gebüsst. (Darum haben wir unseren Brummi vorsorglich noch in Iran gewaschen). Den grössten Eindruck hinterlassen bei uns aber die Parks und Gärten, riesig mit Springbrunnen ohne Ende, am Abend farbig beleuchtet. Gewaltige Wasser- und  Energiemengen werden hier vergeudet. Grünes, frisches Gras das ständig bewässert werden muss, Bäume, jeder davon hat eine eigene Wasserzuleitung. Künstliche Flüsse durchziehen die Stadt als wenn man sagen will – wir sind mächtiger als die Wüste. Wobei das „wir“ auf eine Person reduziert werden muss – Turkmenbashi, der Vater aller Turkmenen. Ursprünglich Chef der kommunistischen Partei hat er nach dem Zerfall der Sowjetunion die Herrschaft an sich gerissen, das Land in die Unabhängigkeit geführt, sich als Präsident  auf  Lebenszeit wählen lassen um mit Hilfe der zahlreich fliessender Gelder aus den Gasfeldern seine Vision zu verwirklicht. Seine Vision ist ein goldenes Turkmenistan, seine Visitenkarte die Hauptstadt. Sie ist eindrucksvoll ohne Frage, aber sie wirkt sehr künstlich. Es fehlt irgendwie das Leben, Menschen sieht man wenige auf den Strassen. Es gibt viele Denkmäler aber einen Kiosk, wo man ein Getränk kaufen kann muss man lange suchen. Turkmenbashi ist vor fünf Jahren gestorben, sein Nachfolger mit einem unaussprechbaren Namen folgt seinen Fussstapfen.  
Wir können uns in Ashgabat zwar frei bewegen aber wir müssen im Hotel übernachten. Ausserhalb der Stadt dürfen wir nur mit einem Führer unterwegs sein. Die nächste Enttäuschung ist das Internet. Auch hier ist, wie in Iran, unsere Blog-Seite bei Google gesperrt. Leider findet sich hier kein Internet Cafe mit findigen Hackern, also muss unser Blog warten. Überhaut scheint Turkmenistan dem Computer-Zeitalter ein wenig nachzuhinken. Alles wird noch in dicke Bücher von Hand eingetragen, wie früher. Und Fernsehen: es gibt ein Programm, wo ständig Volkslieder gesungen, getanzt und schöne Landschaften von Turkmenistan gezeigt werden, sonst nichts. Für Nachrichten und Unterhaltung muss man auf russische Sender ausweichen. Ein Taxifahrer formuliert es vorsichtig: „Bei uns ist alles gut, wir singen nur und tanzen, es gibt keine Probleme im Land über die man berichten oder diskutieren müsste“.
Für uns ist aber der „Brennende Krater“ oder auf English „The door to hell“ der Höhepunkt von Turkmenistan.

Mitten in der Karakorum-Wüste gibt es ein Loch, etwa 80 Meter im Durchmesser und 50 Meter tief. Und unten lodernden zahlreiche Flammen. Bei einer missglückten Bohrung entstanden hat sich das Erdgas entzündet und brennt seit mehr als 40 Jahren. Wir kommen in der Nacht an. Schon von Weiten sehen wir den Feuerzauber am Horizont. Dann stehen wir am Rand des Kraters und eine gewaltige Hitze schlägt uns entgegen. Gespenstischer kann ein Ort nicht sein, grosse schwarze Spinnen kriechen am Boden, es gibt kleine Gaseruptionen, die Flammen schlagen hoch. Mit dieser Energie könnte man eine mittelgrosse Stadt heizen, doch Turkmenistan hat viel Gas, sehr viel sogar.
Einige Tage später verlassen wir Turkmenistan und reisen in ein neues „stan“ Land ein, nach Usbekistan. Es gibt ein kleines Problem an der Grenze. Die Zollbeamten wollen unsere Medikamente sehen. Gerne zeigen wir ihnen unsere Medi-Kiste (Danke Barbara) nichts Böses ahnend. Romy’s  Schlaftabletten werden kurzerhand beschlagnahmt, angeblich handelt es sich bei dem Wirkstoff um eine Droge. (nun weiss ich endlich warum Romy ab und zu Schlafprobleme hat). Reden und diskutieren hilft nichts. Als man droht, uns wegen illegaler Drogeneinfuhr zu verhaften, geben wir klein bei. Zwar kann ich noch 10 Tabletten retten, der Rest wird aber vor unsren Augen vernichtet. Ja, irgendwann haben wir was von „Absurdistan“ gehört, aber so weit sind wir noch nicht…
Dann geht es zum Aralsee, den es heute nur noch als Miniaturausgabe gibt. Rostige Fischerkähne liegen im Sand der Wüste herum - als stumme Denkmäler dieser ökologischen Katastrophe. Moynaq war früher ein Fischerhafen, in der Fischkonservenfabrik waren Tausende von Menschen beschäftigt. Da man dem See das Wasser der Zuflüsse abgegraben (unter anderem für den Karakumkanal, der die Hauptstadt Turkmenistans mit dem beschriebenen Wasserreichturm versorgt) und in andere Regionen geleitet hat, wurde er seit 1960 immer kleiner und an seiner Stelle breitete sich die Wüste aus. Vom damaligen Hafen von Moynaq, die nun ihr Dasein als Geisterstadt fristet, muss man heute über Hundert Kilometer fahren, bis man das Ufer von dem erreicht, was vom See übrig geblieben ist.

   

Donnerstag, 30. Juni 2011

Iran zum letzten Mal

Nun nähert sich unser Aufenthalt in Iran langsam dem Ende entgegen. Wir hatten viele Vorstellungen und wir haben gekämpft, um in dieses Land einreisen zu dürfen. Was hat sich erfüllt, was war anders, was haben wir gesehen, was haben wir erlebt? Hat es sich für uns gelohnt?
Die etwas überhastete Einreise in Astara spät am Abend, wo die Beamten gar nicht richtig wussten, was sie mit westlichen Touristen anfangen sollen. Denn aus dieser Richtung reist selten jemand mit einem Camper ein. Der erste Eindruck: Chaos. Chaos auch auf den Strassen als wir das Zollgelände verlassen. Nirgends ein Wegweiser, welche Richtung sollen wir einschlagen, wo einen Übernachtungsplatz suchen? Also fuhren wir einfach drauf los. Am Ufer des Kaspischen Meeres haben wir bei einigen Fischerhütten eine Bleibe gefunden und am Morgen einen fangfrischen Fisch bekommen. Im Selbststudium dann eine Lektion, wie man einen Fisch ausnimmt. An der Tankstelle auch Chaos – welches ist die richtige Säule für Benzin, wie tanken ohne Zuteilungskarte, die jeder Einheimische hat? Auch da: das Problem wird gelöst. Leute, zwar meistens einer Fremdsprache nicht mächtig aber überaus freundlich und hilfsbereit, helfen uns überall. Dann die ersten Gespräche mit solchen, die Englisch sprechen. Langsam beginnt sich unser Bild von diesem Land zu bilden. Nur das Wetter hier in der Kaspischen Region passt irgendwie nicht zu Iran. Es ist bewölkt, trüb und ab und zu regnet es. Wir fahren über die Berge ins Landesinnere und es ändert sich schlagartig. Wie mit einem Messer abgeschnitten, verschwinden die Wolken. Ein blauer Himmel und Sonne, mit ihr dann die Hitze. Warm, heisse 40 Grad, viel zu viel. Wir schwitzen und trinken, es hilft nicht wirklich. Unser Brummi hat keine Klimaanlage und so leiden wir und halten Ausschau nach einem perfekten Schatten. Einmal gelingt es uns aus Not sogar auch unter einer Strassenbrücke in einem trockenen Flussbett (siehe Bild).

 
Wir besuchen die touristischen Hochburgen Isfahan, Shiraz, Persepolis, Yazd und wie sie alle heissen. Eines haben sie gemeinsam: obwohl in der UNESCO Weltkulturerbe-Liste aufgeführt, begegnen wir fast keinen Touristen und schon gar nicht Gruppenreisenden. Uns freut es natürlich aber die Iraner möchten schon gerne mehr Besucher. Da kommt aber die Politik ins Spiel, denn die steht sich manchmal selber im Weg, dieses Ziel zu erreichen. Unsere Visageschichte lässt grüssen.
Iran ist im Westen mit vielen Vorurteilen behaftet – etwas davon stimmt, anderes ist vielleicht zur Hälfte wahr. Kopftuch und das islamische Kleiderordnung für Frauen: Klar, Romy musste sich entsprechende Kleidung verschaffen, nein, ein Chador ist nicht vorgeschrieben, auch wenn eine gute Hälfte der Frauen ihn trägt. Die andere Hälfte nimmt es locker. Unter einem modischen Kopftuch lugen viele Haare hervor und mit Make-up wird auch nicht gespart. Ab 9 Jahren müssen die Mädchen ein Kopftuch tragen. Natürlich hören wir auch Geschichten, was alles passieren kann, wenn die Religionspolizei ihres Amtes waltet. Mich, unter einer kommunistischer Regime aufgewachsen, erinnert es an diese Zeiten: wer sich nicht offen auflehnt und wenigstens tut als ob, wird nicht behelligt, die Anderen kommen aber dran. Auf der anderen Seite können wir als Nichtmoslem jedoch fast jede Mosche betreten. Die Bilder des geistigen Führers Khomeini, die an fast jeder Ecke hängen, sagen klar, wer der Herr in diesem Land ist. Mindestens ein Fernseherprogramm sendet ausschliesslich religiöse Themen rund um die Uhr, die anderen dürfen nur nach der islamischen Kleiderordnung gekleidete Schauspielerinnen oder Ansagerinnen zeigen. Dagegen sieht man nirgends die Bilder des Staatspräsidenten Ahmadinejad, der im Westen als ein Bösewicht gilt.
Alkoholische Getränke sind verboten und man kann sie auch nicht kaufen. Bier gibt es nur nicht alkoholisches, wobei nicht einmal das Wort Bier verwendet wird. Es heisst immer „ein nicht alkoholischer Malzgetränk“. Unser Erstauen ist gross, als uns ein deutscher LKW überholt mit Bierreklame auf beiden Seiten: „Bier, das wahre Genuss“. Wir reden bei einem Stopp mit dem Fahrer. Er ist auf dem Weg nach Afghanistan, mit dem flüssigen Nachschub für deutsche Truppen. Ob sich das lohnt?
Auch das Atomprogramm des Irans ist ein Thema im Westen. Wir fahren an dem Forschungszentrum in Natanz vorbei. Natürlich sehen wir nicht viel, denn das Gelände ist riesig und es ist von der Strasse nicht einsehbar. Was wir aber sehen sind Flugabwehrkanonen an jedem Hügel rund um die Anlage. Man ist scheinbar vorbereitet.
Sonst ist die Polizei oder das Militär wenig präsent. Und es ist mehr aus Neugier, wenn die Beamten unser Auto kontrollieren. Einen Camper sehen sie nicht so oft und es ist immer interessant, was die Westler so mit sich herumschleppen.
Internet ist beliebt in Iran. Allerdings erlaubt die Regierung nicht alles. Unsere Blogseite können wir hier nicht erreichen, sie ist einfach blockiert. Es kommt nur eine Warnung in persischer Sprache. Aber findige Helfer in einem Internet Café wissen Rat. Etwas auf der Tastatur herumhacken, ein paar geheime Kodewörter und schon kann ich meinen Blog bearbeiten.
In der Wüste überholen wir einen Touristen mit einem Velo. Wir haben im Auto 40 Grad. Draussen prallt die Sonne umbarmherzig hernieder und dauernd donnern Lastwagen vorbei, die ihn mit einer schwarzen Abgaswolke einhüllen. Wir können auf der engen Strasse nicht anhalten und so erfahren wir nie, wer dieser Mann war und wohin er fuhr. Velo wird in Iran wenig gefahren, da fährt man stolz Auto oder wenigstens ein Motorrad. Das Velo ist nur gut als ein Spielzeug für Kinder. Und es spielt keine Rolle, dass die Städte im Verkehr und Abgase ersticken. Eine Spezialität des iranischen Verkehrs sind die „Speed Breaker“, gemeine Schwelle auf der Fahrbahn, die oft unerwartet auftauchen und das Auto regelrecht in die Luft fliegen lassen. Manchmal sieht man sie, farbig angestrichen vom Weiten, manchmal sind sie gut getarnt. Ihren Zweck, den Verkehr langsam fliessen zu lassen, erfüllen sie aber immer. (hoffentlich liest kein Verkehrsminister diese Zeilen).
Die Jugend – auch sie versucht sich den Umständen entsprechend durchzuschlagen. Wir hören Klagen, wie schwierig ist, es auch mit einer guten Ausbildung, einen Job zu bekommen. Viele wollen ins Ausland, sehen keine Zukunft mehr in Iran. Kanada gilt als gelobtes Land. Andere, hier ausschliesslich Männer, sind zufrieden, wenn sie mit ihren Motorräder in den Strassen ein verrücktes Rennen veranstalten können. Und trotz Geschlechttrennung und arrangierter Ehe, man sieht verliebte Paare, die in aller Öffentlichkeit Händchen halten.


Auch wir waren von der Geschlechttrennung   im öffentlichen Verkehr betroffen. In einem Bus sitzen vorne die Männer, der hintere Teil ist den Frauen vorbehalten. Für uns war dabei die Verständigung das Schwierigste, schliesslich wollten Romy und ich ja auch gemeinsam an der gleichen Haltestelle aussteigen!
Um unser Iranbild abzurunden, haben wir bei einer iranischen Familie ein Zimmer für drei Tage gemietet. Einerseits um der unerträglichen Hitze im Bus zu entfliehen, aber auch, um etwas mehr von der iranischen Kultur und dem Familienleben mitzukriegen. Unser Gastgeber spricht sehr gut englisch und so können wir ihn mit Fragen löchern. Zu Hause tragen die Frauen kein Kopftuch. Wenn ich jedoch unerwartet in das Zimmer trete, ist ihre Reaktion ungefähr so, als würde bei uns eine nackte Frau in ihrer Wohnung von einem fremden Mann überracht. Sie rennen Hals über Kopf aus dem Zimmer um das Kopftuch zu holen. Ja, fremde Länder, fremde Sitten……………

Lange könnte ich noch über dieses Land berichten, über die Begegnungen mit seinen freundlichen Menschen. Leider hat alles ein Ende. Schon bald werden wir eine andere Grenze überschreiten und nach Turkmenistan ausreisen. Bei allem was wir gesehen und erlebt haben – für uns hat sich der Kampf um das Visum  auf jeden Fall gelohnt.


   

Montag, 20. Juni 2011

Hurra, wir haben es geschafft – wir sind Millionäre

Wenn ihr diesen Beitrag lesen könnt, so haben wir, respektive ein pfiffiger iranischer Hacker es geschafft, die Regierung zu überlisten. Denn „Blog.Spot-Seiten“ sind im Iran gesperrt.

Kurz vor der iranischen Grenze ziehe ich mein neues Outfit an, welches ich extra in der Türkei gekauft habe. Es ist ein bis zum Boden reichender Mantel und ein Kopftuch (siehe Bild). Nur das Gesicht und die Hände dürfen sichtbar sein, alles andere muss verdeckt werden. Das sind die Kleidervorschriften für die Frauen im Iran und wer sich nicht daran hält, macht unliebsame Bekanntschaft mir der Religionspolizei.



Vor dem iranischen Grenzübertritt haben wir etwas Bammel. Lassen sie uns etwa, trotz gültigem Visa, doch nicht einreisen? Keiner der Beamten beherrscht die englische Sprache, was die Formalitäten nicht erleichtert. Uns kommt ein junger Iraner zu Hilfe, der leidlich englisch spricht. Er wickelt die ganze Bürokratie für uns ab und wir rechnen damit, dass er uns am Schluss eine gesalzene Rechnung für seine „Dienste“ präsentieren wird. Aber was soll’s, allein hätten wir den Durchblick nicht. Das Zollgelände ist riesig und wir werden von einem Schalter zum nächsten gescheucht. Doch nach etwas mehr als einer Stunde ist der Marathon geschafft – wir haben den erforderlichen Stempel im Pass und auch im Carnet de Passage für die Einfuhr des Autos. Unser junger Helfer will zu unserem grossen Erstaunen kein Geld, lediglich, dass wir bei ihm Devisen umtauschen. Nachdem wir unsere ersten 100 Dollar gewechselt haben (Kreditkarten funktionieren hier wegen den amerikanischen Sanktionen nicht) sind wir Millionäre. Für 100 Dollar bekommen wir sage und schreibe 1,2 Millionen Rial. Wir sind also in einem Land, in dem es fast nur Millionäre gibt!  Die kleinste Note von 1000 Rial hat einen Wert von umgerechnet 7,5 Rappen. Münzgeld ist kaum noch im Umlauf. So sind die Menschen mit Bündeln von Geld unterwegs und können doch nicht viel dafür kaufen. Iran leidet unter einer starken Inflation, die seit der Machtübernahme der Regierung Ahmadinejad im Sommer 2005  im Galopp verläuft. Die Preise für Lebensmittel, Energie und andere Güter des täglichen Lebens sind stark gestiegen und sie sind für viele einfache Iraner kaum noch zu bezahlen. Einige Güter, wie z. B. Benzin sind rationiert. Ein Autofahrer bekommt 60 Liter pro Monat zu einem normalen Preis. Will er mehr tanken, muss er fast das Doppelte bezahlen. Auch wir bekommen nur den teureren Sprit, da wir als Touristen keine Zuteilung vom Staat erhalten. Doch mit einem Literpreis von 55 Rappen können wir uns nicht beklagen, vor allem, wenn wir an die Türkei zurück denken, wo wir fast das Fünffache bezahlt haben.
Die ersten Iraner mit welchen wir ins Gespräch kommen, fragen nach Whisky. Miro meint: „Eure Religion verbietet euch doch Alkohol zu trinken“. „Nein, nein, das sind nur die Mullahs“, entgegnen sie uns.
Sofort haben wir das Gefühl, dass wir im Iran gern gesehene Gäste sind. Sind wir irgendwo zu Fuss unterwegs, rufen sie uns die Menschen zu: „Willkommen im Iran, wir freuen uns, dass ihr unser Land besucht“. Kommen wir mit den Menschen ins Gespräch, wollen sie oft wissen: „ Was denkt ihr von der iranischen Politik und was hält ihr von den Iranern?“ Dann appellieren sie an uns, die Politik des Landes und seine Menschen nicht in einen Topf zu werfen. Wir kommen mit Iranern ins Gespräch, die offen ihre Unzufriedenheit mit der Regierung.  Ansprechen. Ein Angestellter im Internetcafé beschwert sich über die Kleidervorschriften. Wenn sich seine Frau nicht daran halte, bekomme sie als Strafe nie eine Stelle bei der öffentlichen Verwaltung. Im Wiederholungsfall drohe ihr gar Gefängnis. Eine junge Frau beklagt sich, dass sie keinen Job findet. „Ich habe jahrelang studiert und mich gut ausgebildet und nun bin ich arbeitslos“. Mein einziges Vergnügen ist es  mit meinen Freunden zu chaten. Ich will den Iran verlassen, aber wohin soll ich gehen“. Ja, was sollen wir dazu sagen, dass es bei uns auch arbeitslose Jugendliche gibt. Das hilft ihr auch nicht weiter. 

Immer wieder werden wir beschenkt. Als ich einen Lastwagenfahrer fotografiere, wie er auf dem Trittbrett seines Fahrzeuges mit dem Gaskocher Tee zubereitet, hebt er die Lastwagenplane hoch und beschenkt mich mit Tomaten. Die Fischer am Kaspischen Meer beglücken uns mit einem Fisch (den wir nachher ausnehmen müssen, eine neue Erfahrung). Ein anderes Mal überholt uns ein Auto und gibt Zeichen, rechts an den Strassenrand zu fahren. Der Fahrer will uns unbedingt Aprikosen geben und dazu auch noch gleich eine Flasche Wasser, damit wir sie waschen können. Begegnen wir Iranern beim Picknick, was diese sehr gerne und oft tun, laden sie uns ein und wir werden verköstigt. Der Händler am Gemüsestand will kein Geld von mir für den Einkauf. Ich habe die grösste Mühe, die Ware zu bezahlen. 

Die  Hilfsbereitschaft vieler Iraner ist einmalig. Fragen wir nach dem Weg, kommt es immer wieder vor, dass jemand mit dem Auto bis zur entscheidenden Kreuzung voraus fährt, damit wir auch ja die richtige Ausfahrt nehmen, und das, obwohl das Benzin hier rationiert ist. In den grossen Städten lassen wir das Auto möglichst stehen und fahren mit den öffentlichen Bussen zu den Sehenswürdigkeiten. Das ist kein einfaches Unterfangen, denn die Busse sind alle nur in Farsi (persisch) angeschrieben. So fragen wir uns durch und die Leute reichen uns von einem Bus zum nächsten – bis wir am Ziel sind. Der Buschauffeur auf dem Busbahnhof lässt seine Passagiere im Bus warten, um uns den gewünschten Bus am anderen Ende des Platzes zu zeigen. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.
Es gibt aber auch eine andere Seite der Iraner. Lässt man sie ans Steuer, verwandeln sie sich in sekundenschnelle zu Ungeheuern. Ich schreibe hier bewusst nur in der männlichen Form, denn Frauen hat es nur wenige, die Auto fahren, obwohl sie hier – im Gegensatz zu Saudi Arabien - fahren dürfen. Hatten wir in der Hauptstadt Georgiens das Gefühl, der Verkehr sei mörderisch, mussten wir im Iran feststellen, dass dies erst die Vorstufe zur Hölle war. In iranischen Städten ist die wirkliche Hölle. Auf einer vierspurigen Strasse fahren sieben Autos nebeneinander, niemand kümmert sich um eine Spur. Die Blinker an iranischen Autos sind eine glatte Fehlinvestition, dafür müssen sicher die Hupen mehrmals während eines Autolebens ersetzt werden. Ich falle von einer Ohnmacht in die nächste und höre dumpf zwischendurch Miro fluchen: „Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich zu Hause geblieben, kein Wunder dass ich jeden Tag mehr graue Haare kriege“. Nein, natürlich falle ich nicht in Ohnmacht, das ist nur Wunschdenken. Hier braucht es vier, besser wären sechs Augen, um in diesem Chaos alles Wesentliche mitzukriegen. Immer wieder schreie ich: „Achtung“, weil sich von rechts einer zentimeternah an unser Auto heran gemacht hat. Ich kann die Vollbremsungen, dank denen wir einer Kollision entgangen sind, schon gar nicht mehr zählen. Vielleicht würden aber auch die Iraner im letzten Moment bremsen, doch woher sollen wir diese Sicherheit nehmen. Polizisten lassen sich in den Städten nicht blicken, sie haben wohl längst kapituliert. Auf den Überlandstrassen, die übrigens ausgezeichnet sind, ist es dank des geringeren Verkehrsaufkommens etwas weniger stressig. Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Mehrmals müssen wir auf den Pannenstreifen ausweichen, weil uns ein Fahrzeug auf unserer Spur entgegen kommt. Einige haben keine Zeit zu warten, bis der Gegenverkehr vorüber ist. Zu allem Überfluss hupen viele Auto- und Lastwagenfahrer wenn wir auftauchen – einfach als Freude darüber, ein ausländisches Fahrzeug auf iranischen Strassen zu sehen. In diesem Land gibt es, umgerechnet auf die zugelassenen Fahrzeuge, acht Mal mehr Verkehrstote wie in der Schweiz – wen wundert’s.
Seit einigen Tagen habe ich einen lästigen kleinen Untermieter. Gesehen habe ich ihn allerdings noch nie, dafür umso mehr gespürt. Miete bezahlt er keine, im Gegenteil, er beutet mich regelrecht aus. Anfänglich gab ich mich der Illusion hin, dass es Moskitos sind, welche die fürchterlich juckenden Pusteln verursachen. Doch obwohl ich mich mit Antimückenmittel schier vergiftete und nur noch im Moskitonetz nächtigte, es wurde immer schlimmer. Irgendwann konnte ich es nicht länger verdrängen und musste der Tatsache ins Auge sehen: Ich hatte einen Floh. Wie war das möglich? Ich habe nie in fremden Betten geschlafen. Wo nur war der Kerl auf mich gesprungen? Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Für die Besichtigung der Moscheen reichen mein Kopftuch und der Mantel nicht aus. Nur mit einem Chador bekleidet darf ich die Gotteshäuser betreten. Diese liegen jeweils beim Eingang und jede Frau, die keinen hat, bedient sich damit. Und bei dieser Gelegenheit hat sich der Floh wohl häuslich bei mir niedergelassen. Alle meine Versuche, ihn wieder los zu werden sind bis heute gescheitert. Ich habe mehrmals die Kleider gewechselt und stundenlang geduscht, nichts hat geholfen. Im Bett unseres Busses kann er auch nicht verstecken, denn ich werde auch tagsüber attackiert. Inzwischen sehe ich aus als hätte ich Masern und Röteln gleichzeitig. Wie hoch ist wohl die Lebenserwartung eines Flohs? Das sind ganz neue Fragen, Fragen die ich mir in meinem bisherigen Leben noch nie gestellt habe. Ist mein Untermieter vielleicht gar ein schwangeres Weibchen und deshalb besonders hungrig? Wie viele Eier legt ein Floh? Und wie hoch ist die Kleinflohkindersterblichkeit? Bei der ausgiebigen Nahrung von mir dürfte sie gering sein. Auch meine Hoffnung, dass der Floh irgendwann auf Miro überspringt, hat sich bis jetzt nicht erfüllt. Er ist mir treu ergeben.
Nach einigen Tagen im Iran, stelle ich fest, dass die Kleidervorschriften der Frauen in der Praxis nicht mehr so eng sind. Vor allem junge Frauen nehmen sich Freiräume. Oft tragen sie das Kopftuch als modisches Accessoire und sie lassen keck ein paar Haarstränen hervor schauen. Die taillebetonten Mäntel reichen noch knapp bis zu den Knien und darunter tragen sie enge Jeans. Ich habe es ihnen gleich getan und mir eine Hemdbluse mit langen Ärmeln, die bis zu den Knien reicht, gekauft. Bis jetzt hat mich die Religionspolizei nicht behelligt, und wenn schon, ich will ja keinen Job bei der iranischen Verwaltung. Mindestens die Hälfte der iranischen Frauen trägt allerdings einen Chador – auch viele junge Frauen – obwohl das von der Regierung gern gesehen, aber nicht vorgeschrieben ist. In meinem Mantel habe ich es schlicht nicht mehr ausgehalten. Seit Tagen haben wir über 40 Grad und das, obwohl wir uns immer auf einer Hochebene von ca. 1500 Metern bewegen. Fast drei Viertel Irans sind Wüste und die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel. Auch in der Nacht fallen die Temperaturen nicht unter dreissig Grad. Unser Denken wird hauptsächlich von einem Wort beherrscht: SCHATTEN, wo gibt es den nächsten Schatten?

Morgen starten wir zur Durchquerung der Kavir-Wüste. Es erwarten uns 700 Kilometer Sand, Geröll und Hitze in einem fast menschenleeren Gebiet.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Der Fünfer und das Weggli.

Viele Bekannte haben mit uns gebangt und uns viel Glück gewünscht. Es geht um das leidige Thema „Iran Visum“, das uns (auch bei Miro) schlaflose Nächte gebracht hat. Drei mal wurde uns das Visum von der iranischen Botschaft in Bern verweigert, trotz des Einschaltens einer Visa Agentur. Ein Plan „B“ war nötig, und das war die  Route über Georgien, Aserbaidschan und dann mit der Fähre über das Kaspische Meer nach Turkmenistan. Aber uns den Iran mit den schönen Baudenkmälern und seiner reichen Kultur (trotz Chador für Romy) entgehen zu lassen – nein, das wollten wir auf keinen Fall. Also ging unser Kampf weiter. Von unterwegs wurde eine iranische Agentur beauftragt, die Authorisationsnummer, ohne die es kein Visum gibt, beim Aussenministerium in Teheran zu beantragen. Das Hoffen und Bangen ging also weiter, der Antrag wurde wieder abgelehnt. Im Lonely Planet Forum schreiben viele Enttäuschte: „Einmal abgelehnt, immer abgelehnt“ und es schien der Wahrheit zu entsprechen. Doch mit dieser „Iranvisa.com – Agentur“ haben wir einen guten Riecher gehabt. Diese Leute gaben sich nicht geschlagen und haben sofort ein Widererwägungsgesuch gestellt. Mittlerweile waren wir schon in Erzerum und versuchten dort auf dem iranischen Konsulat unser Glück. Der Konsul teilte uns freundlich aber bestimmt mit, dass er uns ohne diese ominöse Nummer kein Visum ausstellen darf. Enttäuscht wollten wir schon Richtung Georgien abreisen. Bevor wir aber Erzerum verliessen wurde noch die E-Mail – Box gecheckt und siehe da – die alles entscheidende Nummer aus Teheran war da!

Sofort gingen wir zurück zum Konsulat und nachdem man uns um  150 Euro  „erleichtert“ hatte war das lange ersehnte Visum im Pass. Nun aber kam  Romy eine neue Idee, eben „den Fünfer und das Weggli“, das heisst, nicht direkt aus der Türkei in den Iran einzureisen, sondern eben über die Länder aus dem Plan „B“ zu fahren. Schliesslich hatten wir ja bereits Geld in Visa für diese Staaten angelegt. Also fuhren wir Richtung Norden nach Georgien. Das Passieren der Grenze war ein Kinderspiel. Die Grenzbeamten machen von jedem von uns ein Foto, für was auch immer (vielleicht für ihr privates Fotoalbum)? Es gibt noch Stacheldraht und Wachtürme, die nun still vor sich hin rosten, aus der Zeit, als Ost und West hier eine gemeinsame Grenze hatten,. Georgien, eine ehemalige sowjetische Republik, ist seit 1991 ein selbständiger Staat. Wegen des Konfliktes mit Russland über die abtrünnige Regionen Süd Ossetien und Abchasien steht das Land in den Schlagzeilen und dazu werden pünktlich zu unserer Einreise Unruhen im Land gemeldet. Was wartet hier auf uns?  Die Armut ist auffällig. Viele Fabriken und ehemaligen Kolchosen sind nur noch Ruinen, halb zerfallen, alles Brauchbare abmontiert - es sieht aus wie nach dem Krieg. Geschwindigkeitsbegrenzungstafeln braucht es in diesem Lande keine. Die zahllosen Schlaglöcher in den Strassen (so die denn diese Bezeichnung verdienen) sorgen automatisch für eine angemessene Fahrweise. Es gibt wenige Neubauten, man sieht dem Land den wirtschaftlichen Niedergang sofort an. Alles wirkt marode und verkommen. Doch die Leute machen solche Unzulänglichkeiten mit ihrem freundlichen Wesen und ihrer Hilfsbereitschaft wett. Miro kramt seine bescheidenen Schulkenntnisse der russischen Sprache aus der Hirntruhe und siehe da, eine Verständigung ist möglich. Allerdings sind es eher ältere Leute, die noch russisch sprechen, die junge Generation lernt nicht mehr russisch in der Schule.
Wir besuchen die Höhlenklöster bei Vardzia in einer riesigen Felswand. Generationen von Mönchen haben hier unzählige Höhlen gegraben. Ein Teil davon wird von ihnen heute noch bewohnt. Wir kommen gehörig ins Schwitzen, denn es ist fast eine Kletterei um auch die oben gelegen Höhlen und Felsenkirchen zu erreichen.
Um in die Hauptstadt Georgiens zu gelangen, fahren wir eine kleine Strasse, die  über einen 2400 Meter hohen Pass führt. Unten bei der Abzweigung fragt Miro mehrmals nach den Pistenverhältnissen. Von verschiedenen Personen wird bestätigt, dass der Pass offen ist, also fahren wir los. Die bittere Wahrheit kommt  nach mehr als 30 km übelster Piste ans Tageslicht. Oben liegt noch meterweise Schnee, ein Durchkommen ist unmöglich. Dafür ist dann die längere Strasse sehr gut ausgebaut. Unterwegs kommen uns riesige Schafherden entgegen, oft mehrere Hundert Tiere laufen den Leitschafen hinterher. Esel und Maultiere tragen die Ausrüstung, die Hirten hoch zu Ross, haben alles im Überblick. Sie ziehen zu den Sommerweiden hoch im Gebirge.


Tbilisi begrüsst uns mit  Verkehr für den es nur ein passendes Wort gibt: MÖRDERISCH. Die Autofahrer scheinen sich um keine Verkehrsregel zu kümmern, falls sie überhaupt welche kennen. Es gilt nur vorwärts zu kommen, so schnell wie möglich. Und nur wer starke Nerven hat, kann hier bestehen. Es wird gedrängt, rechts überholt, den Weg abgeschnitten, wild gehupt, kurz - für einen erzogenen Schweizer Autofahrer ein reiner Horror, der den Adrenalinspiegel in ungeahnte Höhen treibt. Dazu gibt es in der ganzen Stadt keinen einzigen Wegweiser. Es grenzt schon an ein kleines Wunder, dass Miro unseren demolierten Bus und uns hier heil durch bringt.
Georgien möchte sehr gerne in die EU. Doch das ist noch ein sehr weiter Weg. Vielleicht ist das der Grund, dass bei allen öffentlichen Einrichtungen schon jetzt die EU Fahnen wehen. Wenigstens so tun als ob, und hoffen der Wunsch gehe irgend einmal in Erfüllung…….
Auf der Fahrt in Richtung Aserbaidschan wollen wir auf einem Hügel mit einem mehreren Meter hohen Kreuz übernachten. Doch oh je, schon bald kommt die Polizei. Auf unsere Frage, ob wir hier über Nacht stehen können, antworten sie zu unserem Erstaunen: „Ja, das ist überhaupt kein Problem“. Dann schenken sie uns eine Flasche Mineralwasser, echt georgisches, wie sie betonen und später bringen sie uns auch noch Eis, natürlich ebenfalls echt georgisch.
Am nächsten Tag dann die neue Grenze, wir betreten die zweite ehemalige Sowjetrepublik, indem wir in Aserbaidschan einreisen. Der Zöllner schaut in unser Auto und fragt: Ist das nun ein Auto oder ein Haus?“ „Ein Autohaus“, gebe ich ihm zur Antwort und damit gibt er sich zufrieden. Haben wir bis jetzt auf unserer Reise oft gefroren (ich musste wochelang die langen Unterhosen montieren) wird es hier schlagartig hiess, über 35 Grad. Sofort merkt man, dass hier ein anderer Wind weht. Das Land hat grosse Öl und Gasvorräte, es ist also  reich. Überall sind neue Gebäude, neue Strassen, neue Autos. Geldautomaten an jeder Strassenecke. Für uns sehr erfreulich, das Benzin kostet nur etwa 65 Rappen, (im Gegensatz zu der Türkei, wo wir Fr. 2.55 für einen Liter berappen mussten), da macht das Tanken noch Freude. Um die Tankstellen sind Rosengärten angelegt, eine wahre Augenfreude. Zuerst fahren wir am Kaukasus entlang, wo es schön grün ist.  Doch je mehr wir uns der Hauptstadt Baku nähern, desto wüstenartiger wird die Landschaft. Die Autofahrer in Baku haben ungefähr den gleichen Fahrstil wie die Georgier.
Wahrscheinlich sind sie bei ihnen in der Fahrschule gegangen. Etwas haben sie aber irgendwo anders gelernt – zu unserem grössten Erstaunen  wird am Fussgängerstreifen angehalten! Doch wie wir feststellen, alles haben sie noch nicht so gut im Griff. In nur 10 Minuten sehen wir auf der Stadtautobahn drei Unfälle. Bei einem gehen die beiden Fahrer der ziemlich üblich zugerichteten Autos mit den Fäusten aufeinander los – und das mitten auf der Autobahn. Einer der Kampfhähne blutet im Gesicht. Ich kann nicht sagen, ob es vom Unfall oder vom Ringkampf ist.  In Baku schicken wir Christine, mit welcher wir Tibet bereisen wollen, eine SMS. Vielleicht ist sie ja irgendwo in der Nähe. Und siehe da, sie antwortet, dass sie in ungefähr einer Stunde ebenfalls in der Hauptstadt sein wird. Es dauert dann allerdings über vier Stunden, denn sie hat den Verkehr hier unterschätzt. Die Wiedersehensfreude ist gross. Wir verbringen zusammen einen Tag an einem Strand am Kaspischen Meer, bevor sie mit der Fähre nach Turkmenistan übersetzt. Wir fahren zur iranischen Grenze. Ein neues Land – ein neues Abenteuer kommt auf uns zu. Wir haben also den Fünfer und das Weggli bekommen: Georgien, Aserbaidschan und nun reisen wir in Iran ein. Eine Frage beschäftigt uns aber: Werden uns die Mullahs gut gesinnt sein?

Mittwoch, 25. Mai 2011

Baby on Board.

Hilfe, wir haben ein Baby bekommen. Es ist über Nacht passiert – so wie es im Leben halt manchmal vorkommt. Spass beiseite, wie schon im letzten Beitrag erwähnt, haben wir Jan und Liliane mir 8-monatigen Tochter Lola getroffen. Sie sind aus Basel, fahren ein Landrover und wollen 2 Jahre unterwegs sein. 3 Monate haben sie schon geschafft. Man kann ihre Abenteuer auf http://www.blog.jan-kunz.net/ verfolgen. Sie haben an der Grenze zum Iran für etwas Aufregung im grauen Grenzbeamtenalltag gesorgt. Einer, wie sich später gezeigt hat, falschen Information folgend, haben sie gehofft, ein Transitvisum direkt an der Grenze für den Iran zu bekommen. Die Iraner haben aber njet gesagt und sie mussten umkehren. Der Fall, dass ein Auto am gleichen Tag aus- und wieder einreist ist aber im türkischen Computer System nicht vorgesehen. Man hat sich aber beim Tee irgendwie geeinigt und so hatten wir unsere „Kinder und Grosskinder“ schon bald wieder. Die Einheimischen nehmen an, wir seien die Grosseltern von der achtmonatigen Lola. Da es in ihrem Landrover sehr wenig Platz hat und draussen recht kalt ist, viel regnet oder beides, sitzen wir oft in unserem Bus zusammen. Die kleine Lola spielt vergnügt, es gefällt ihr anscheinend bei uns, und ich glaube bei Romy einen Anflug von Grossmuttergefühlen entdeckt zu haben. Es wurde schon immer die Frage diskutiert, Reisen mit kleinen Kindern, ja oder nein. Wenn wir aber sehen, wie das Baby überall zum Mittelpunkt wird, würden wir die Frage bejahen. Unsere Namen (das nervende: „what is your name“) interessieren niemand mehr, es wird nur nach dem Namen von Lola gefragt. Sie wird von einer Hand zur anderen gereicht. Sogar junge Männer sorgen sich rührend um die Kleine. Für die Mutter ist es in unseren Augen schon stressig mit so einem kleinen Kind zu reisen, aber Liliane, die die kleine Lola noch stillt, meistert es hervorragend.


Nach Erzerum, zum iranischen Konsulat fahren wir verschiedene Wege. Wir haben den Weg über die Berge gewählt. Die Strecke ist sehr schön, die Strasse weniger und ausserdem regnet es wieder ausgiebig. Wir schaffen die Etappe gut, allerdings ist das Auto voll mit Schlamm bespritzt, die ursprüngliche Farbe ist kaum noch zu erkennen. In völliger Einsamkeit übernachten wir  an einem Pass, etwa 2300 Meter hoch. Die Nachttemperatur ist entsprechend, nämlich saukalt. Am nächsten Tag scheint die Sonne. Das Auto bekommt bei einem Bach eine Wäsche verpasst, während Romy Blumen und Schmetterlinge fotografiert.

Kurz vor dem Mittag sind wir in Erzerum. Unterwegs haben wir auch Jan und Liliane wieder getroffen. Ich glaube, die kleine Lola hat uns sofort wieder erkannt. Wir besichtigen die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Erzerum ist nicht allzu gross, übersichtlich und die Leute sind jederzeit hilfsbereit. Auch ist, was bei uns wahrscheinlich niemand weiss, Erzerum der grösste Skiort der Türkei. Riesige Hotels im Chaletstil stehen etwa 5 km von ausserhalb, mit allem was dazu gehört: Skilifte, Pisten, Loipen und Springschanzen. Nun sind die Lifte nicht mehr in Betrieb, auch wenn weiter oben noch genug Schnee liegt. Wir finden einen schönen Übernachtungsplatz in einer Picknick Area und harren der Dinge, die morgen kommen werden.

Heute gehen wir, fein angezogen, zum iranischen Konsulat. Dort erfahren wir, dass uns der Konsul ohne Bewilligung aus Teheran nur ein siebentägiges Transitvisum ausstellen darf. Jan und Liliane entscheiden sich für diese Variante, wir wollen noch zwei Tage länger warten. Vielleicht geschieht doch das Wunder und unsere Einsprache wird in Teheran (wo unsere Anträge schon mehrmals abgelehnt wurden) gutgeheissen.

Das sollen wir aber erst morgen erfahren, wie uns die Visa-Agentur per E-Mail bekannt gibt.
Am späten Nachmittag haben unsere Freunde das Transitvisum im Pass. Wir treffen uns an unserem Übernachtungsplatz, sitzen lange im unserem Syncro- Bus und reden über Gott und die Welt. Ob die kleine Lola von unserem Gespräch etwas versteht? Sie lächelt nur, dann wird es schon in Ordnung sein.

Freitag, 20. Mai 2011

Besuch in einem kurdischen Dorf

Geschrıeben von Romy
Heute wollen wir das Heimatdorf einer kurdischen Familie besuchen welche ich jahrelang in der Schweiz betreut habe und zu der auch heute noch ein guter Kontakt besteht. Sie haben mir im Laufe der Jahre so viel von ihrem Dorf erzählt, dass ich – jetzt wo wir so nah sind – diesen Ort unbedingt mit eigenen Augen zu sehen will.
Doch vorerst ist es gar nicht so einfach ein so kleines Dorf im riesigen Kurdistan ausfindig zu machen. Ich weiss nur den Namen und dass es in der Nähe von Elbistan liegt. Doch was heisst  in der Nähe? Hier wird mit andern Massstäben gerechnet wie in der kleinen Schweiz. Ist es 5 oder 50 Kilometer von der Stadt entfernt? Wir fragen uns durch und finden immerhin heraus, dass es 30 Kilometer in Richtung Südosten liegt.  Nicht aufgeben ist die Devise und tatsächlich finden wir das Dorf. Es besteht nur aus ein paar wenigen Häusern, an einem Hang auf 1400 Metern in einer rauen Landschaft gelegen. Wir haben das Glück, dass wir einen englisch sprechenden Mann treffen und von ihm erfahren wir einiges. Er arbeitet als Lehrer in Elbistan und kommt nur an den Wochenenden hierher, wo er ein kleines Haus, einen Garten und ein paar Hühner sein Eigen nennt.


Natürlich werden wir sofort zum Cay, dem türkischen Tee eingeladen. Mahmut erzählt uns, dass zwei seiner Kinder im Ausland leben und dass er sehr froh darüber ist. Nach seiner Ansicht haben die Kurden keine Zukunft in der Türkei, obwohl er eingestehen muss, dass sich die Situation in den letzten 10 Jahren etwas verbessert hat. Immerhin dürfen sie jetzt ihre eigene Sprache sprechen und ihre Musik hören. Doch das reicht bei weitem nicht. Der Osten der Türkei ist - im Gegensatz zum Westen - unterentwickelt. Es gibt hier kaum Industrie.

Bei einem Spaziergang durchs Dorf sehen wir erst, wie viele Häuser verfallen sind. Es leben nur noch fünf Familien hier, alle anderen sind abgewandert. Das Haus „meiner“ Kurdenfamilie ist aber nicht im Dorf direkt, sondern etwas ausserhalb in einem Weiler. Also machen wir uns auf den Weg dort hin und werden tatsächlich fündig. Vier Häuser stehen hier, doch welches gehört ihnen nun? Wir finden einzig eine alte Frau, die auf dem Boden sitzend aus Hülsenfrüchten die Bohnen ausschält. Ich frage nach Mehmet Polat und sie deutet stumm in eine Richtung.  Doch damit kann ich nicht viel anfangen und gehe erst einmal zurück zum Auto. Es dauert nicht lange und eine andere Frau mit einem Kind taucht auf. Freudestrahlend ruft sie: „Mehmet Polat“ und deutet auf sich. Dabei drückt sie mich an ihren grossen Busen, dass mir angst und bange wird, ich könnte nicht mehr genügend Luft bekommen, wenn sie mich nicht bald loslässt. Dazu küsst sie mich ab und will mich gar nicht mehr loslassen. Auch Miro erfährt die gleiche Behandlung – keine Spur von Hemmungen gegenüber dem starken Geschlecht. Wenn ich ihren Wortschwall richtig deute ist sie die Schwester von Mehmet Polat. Wir müssen sofort in ihr Haus und werden mit heisser Milch und löslichem Kaffee bewirtet. Leider ist eine Verständigung nicht möglich da ich nur ganz wenige Brocken kurdisch verstehe und sie keine englisch spricht. Doch bald ist auch dieses Problem gelöst. Ali, der seit 20 Jahren in Basel lebt, wird „organisiert“. Er ist für einige Zeit hier bei seiner 96-jährigen Mutter. Mehmets Schwester kocht uns ein typisch kurdisches Gericht: Bulgür, eine Getreideart ähnlich wie Cuscus, mit Poulet und Tomatensalat. Es schmeckt köstlich. Zur Vorspeise kauen wir an frischen Kräutern mit Zwiebelgeschmack, die eben auf dem Feld geerntet wurden und dazu gibt es dünnes Fladenbrot.

Später trinken wir türkischen Kaffee bei Ali`s Mutter. Sie wohnt in einem alten Haus, doch alles ist blitz-  blank sauber. Wir sitzend direkt auf dem Boden auf Teppichen, im Rücken ein Kissen. In der Mitte des Raumes verbreitet ein kleiner Holzofen wohlige Wärme. Die alte Frau „managt“ ihr Leben ganz alleine, für uns eine beeindruckende Leistung. Ihre neun Kinder sind im Ausland oder im Westen der Türkei. Einmal pro Monat fährt sie mit dem Bus nach Elbistan um ihre kärgliche Rente von Fr. 60.— abzuholen. Auch sie umarmt und küsst uns herzlich zum Abschied. Mehmets Schwester will uns gar nicht mehr fahren lassen, doch wir fotografieren noch Mehmets Haus und ziehen, dankbar für die herzlichen Begegnungen, weiter. Nun sind konkrete Bilder aus jahrelangen Erzählungen und Fantasien entstanden.

Fast im Iran Heute am 20. Mai sind wir in der Grenzstadt Dogubayazit, nur noch
35 Km von der iranischen Grenze entfernt. Fast alle Geschäfte sind geschlossen. Wir erfahren, dass dies ein Protest ist gegen die Erschiessung von acht Menschen durch die Armee in Hakkari, im Süden Kurdistans.
Seit gestern reisen wir zusammen mit einem Paar, welches mit ihrem 8-monatigen Kleinkind auf einer zweijährigen Reise ist. Sie haben ebenfalls in der Schweiz kein Visum für den Iran bekommen. Nun wollen sie direkt zur Grenze fahren und versuchen eine Transitgenehmigung zu erhalten. So haben wir kurzerhand beschlossen, gemeinsam bis in diese Grenzstadt zu fahren und hier abzuwarten, ob sie es schaffen. Nach nur drei Stunden kehren sie enttäuscht zurück.
Man hat sie aufgefordert 400 Kilometer nach Erzerum zu fahren, wo es ein iranisches Konsulat gibt. Das wird nun auch unser Schicksal sein. Viel Hoffnung haben wir nicht mehr. Wir haben unterwegs nochmals über ein iranisches Reisebüro versucht den begehrten Stempel zu erhalten. Doch es hat nicht geklappt, das Aussenministerium hat den Antrag abgelehnt. Trotzdem wollen wir es in Erzerum nochmals probieren, zumal diese Stadt an der Strecke nach Georgien liegt, es für uns also kein grosser Umweg ist. Dort wollen wir auch einen Versuch starten unser Auto ausbeulen und neu spritzen zu lassen. Mal sehen ob wir etwas erreichen – handullha.