Montag, 11. September 2017

Der Kluge fährt im Zuge

Der Anschluss an die Rovos-Gruppe in Dar es Salaam klappt gut. Ab jetzt  werden wir gut behütet und begleitet. Doch die Reise mit - dem luxuriösesten Zug der Welt, wie die Werbung verkündet – beginnt mit einem Ausflug mit einem gewöhnlichen Bus nach Bagamoyo, etwa 65 Km nördlich gelegen. Die Stadt zieht sich in Länge und der Verkehr ist afrikanisch. Bagamoyo war die Hauptstadt der Kolonie Deutsch-Ostafrika und früher auch ein wichtiger Umschlagplatz für Sklaven auf dem Weg nach Sansibar. Aus dieser Zeit sind ein paar, mehrheitlich verkommene Gebäude übrig geblieben. Nach der Rückkehr gibt es im Hotel „Wellcome Diner“ für alle Reisende.

Am nächsten Morgen werden wir zum Bahnhof der TAZARA (Tanzania – Zanbia Railway) gefahren. Diese Bahn wurde von den Chinesen für den Transport von Kupfer aus Sambia gebaut. Der Bahnhof ist riesig, doch viele Züge verkehren hier nicht. Wir werden direkt auf den Bahnsteig gefahren, wo uns die Samba Gruppe der Polizeischule mit ihren heissen Rhythmen begrüsst. Die Zugchefin heisst uns willkommen, ein Glas Sekt darf nicht fehlen  und dann werden wir zu unseren Abteilen geführt. Unseres hat 10 m2 mit Dusche und WC. Ja, da muss unser VW Bus noch etwas wachsen… Die Wagons sind aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts und liebevoll restauriert. Als Eingeständnis an die moderne Zeit gibt es nur eine Klimaanlage und einen Kühlschrank. Der Zug ist etwa 500 Meter lang und setzt sich zusammen aus 12 Schlaf-, 2 Speise-, Lounge-, Bar- und Küchenwagen. Dazu kommen die Wagons für das Personal, Generator, Wäscherei, Kühlräume, Vorräte und Material (insgesamt 21 Wagons). Auch ein Kesselwagen mit Diesel für die Loks und Generatoren ist dabei. Fast alles wird von Südafrika mitgenommen, man ist von lokalen Quellen unabhängig, da diese unzuverlässig sind. Am Ende des Zuges befindet sich noch ein Aussichtswagen. Alles wird von zwei Lokomotiven gezogen. Fernseher, Telefon und Internet fehlt gänzlich. 
Man legt sehr grossen Wert darauf, dass man wie anfangs des letzten Jahrhunderts reist, damals hat es diese Dinge ja auch nicht gegeben. Und schon bald ruft uns ein Gong zum Mittagessen. Alles sehr vornehm, Viergangmenü und ein grosser Auswahl südafrikanischer Weine. Ein Ruck geht durch den Zug, wir fahren los, es sind die ersten Kilometer auf der fast 6000 Kilometer langen Reise durch den halben Kontinent bis nach Kapstadt.
Wie es in Afrika (leider) oft üblich ist, wird auf den Unterhalt der Infrastruktur nicht sehr viel Wert gelegt. Das merken wir schon bald, denn die Schienen werden nur notdürftig unterhalten und der Zug schaukelt und schlingert manchmal bedenklich. Auch viele entgleiste Güterwagen neben den Gleisen lassen kein gutes Gefühl aufkommen. Aber der Zug ist von Kapstadt bis hierher gefahren, so wird er es auch zurück schaffen, beruhigen wir uns. Und die Unfallstatistik von Rovos Rail verzeichnet keine grösseren Unfälle. Der Zug fährt auch nicht allzu schnell, nur ganz  selten erreicht er die Maximalgeschwindigkeit von 60 km/h, oft sind es aber nur 5 km/h. Von Zeit zu Zeit bleibt er auch lange  stehen, denn die Strecke ist eingleisig und man muss den Gegenzug abwarten. Langsam verlassen wir dies besiedelten Gebiete und Dar es Salaam liegt hinter uns. Die Landschaft wird immer trockener. Es gibt nur wenige Dörfer, riesige Baobabs beherrschen das Landschaftsbild. Die Nacht bricht herein. Gleich neben den Gleisen brennt der Busch, das trockene Grass wird abgebrannt. Gespenstisch flackern die Flammen bis zum Horizont.

Am nächsten Morgen stehen wir früh auf, eine Safari in Selous Game Reserve steht auf dem Programm. Die Jeeps stehen direkt neben den Gleisen bereit und gleich geht es los. Wir wurden gewarnt, dass es hier nur wenige Tiere zu sehen gibt, da das Schutzgebiet relativ neu ist. Doch wider Erwarten sehen wir viele Tiere – Impalas, Zebras, Giraffen, Affen, Gnus und Hippos.


Der Höhepunkt ist aber eine Löwenfamilie die nur wenige Meter von uns unter einem Busch liegt. Da wir ja vornehm reisen, wird uns am Schluss unter einem mächtigen Baobab ein Apéro mit kühlen Getränken serviert.
Langsam stellt sich bei uns der Rhythmus des Zugsreisens ein. Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Für Letzteres wird vornehme Kleidung erwartet. Die Englischsprechenden Gäste halten sich besser an die Vorgabe als die Deutschsprechenden. Zwischen den Ausflügen und den Mahlzeiten gibt es interessante Vorträge über Land und Leute, oder eine Fahrt zu den Chisimba Wasserfällen bei Kasama. Sie liegen in einer schönen Landschaft. Leider wird sehr viel Wasser zur Elektrizitätserzeugung abgeleitet. Wie ein Film läuft die afrikanische Landschaft mit allen ihren Fassetten an den Fenstern des Zuges vorbei. Langsam bekommen wir eine Ahnung der Grösse Afrikas. Ab und zu kommen wir an einem Dorf oder einer kleinen Stadt vorbei. Kinder winken uns zu und davon gibt es in Afrika sehr viele. Sicher ist die Durchfahrt des Zuges für sie eine Sensation. Der Unterschied – zwischen ihrem und unserem Leben – würden sie kaum verstehen. Ja, die Welt ist manchmal ungerecht.
Heute kann der Zug endlich gewendet werden, bis jetzt  gab es dazu keine Möglichkeit. Erst in Kapiri Mposhi, wo sich die Bahn verzweigt, gibt es ein Gleisdreieck, wo das Wenden möglich ist. Nun ist der Aussichtswagen am Ende des Zuges und nicht gleich hinter den Lokomotiven. Damit verlassen wir die von den Chinesen erbaute TAZARA Bahn und fahren weiter auf der noch in Kolonialzeiten erbaute Linie. Der Zustand der Gleise verschlechtert sich entsprechend, der Zug schlingert noch mehr und kann nur sehr langsam fahren.
Dann passieren wir Lusaka, die Hauptstadt von Sambia, wir halten nur kurz am Hauptbahnhof. Sonst sehen wir nur Abfallberge entlang der Bahnlinie. Nur noch ein paar Tage Fahrt und dann kommt der grösste Höhenpunkt der Reise – die Victoriafälle am Sambesi. Aber davon im nächsten Beitrag, wenn wir wieder Internetzugang haben.



Montag, 4. September 2017

Erste Schritte in Afrika: Sansibar

Den afrikanischen Boden betreten wir zuerst in Nairobi. Aber doch noch nicht ganz - wir müssen bei der Zwischenlandung im Flugzeug bleiben. Es dauert eine weitere Stunde, dann landen wir in Dar es Salaam, in der Hauptstadt von Tansania. Auch hier bleiben wir nicht lange, am nächsten Tag geht es mit dem Schnellboot nach Sansibar. Sansibar und Tanghajika bilden die Union Tansania. Trotzdem ist Sansibar auf seine (pseudo) Unabhängigkeit erpicht, so müssen wir im Hafen noch einmal eine Passkontrolle über uns ergehen lassen. Nachdem wir in einem Altstadthotel eingecheckt haben, machen wir uns gleich auf zur Stadtbesichtigung von Stone Town, wie die Hauptstadt von Sansibar heisst. 


Sie verdankt ihre Gründung dem Sklavenhandel. Es war eine traurige Zeit, aber sie hat Sansibar viel Reichtum gebracht und die Händler und Kaufleute konnten sich prächtige Paläste bauen. Auch mit Gewürzen wurden Vermögen angehäuft. Die Engländer haben den Sklavenhandel zum Erliegen gebracht und andere Länder wurden zu günstigeren Produzenten von Gewürzen. Und so hat der Verfall eingesetzt, der bis heute andauert. Es gibt zwar Versuche, die Schönheit der Stadt wieder herzustellen, doch man ist erst am Anfang, es bleibt noch viel zu tun. Wenigstens ist die Stadt heute in die Weltkulturerbeliste aufgenommen, das gibt Hoffnung. Wir feiern auf der Terrasse des „Africa House“ mit einem Drink den gelungenen Start unserer Reise.
Die Stadt selber ist ein riesiges Labyrinth, anders kann man es nicht sagen. Sie ist ein Knäuel von engen, verwinkelten Gassen, es gibt kein Durchkommen für Fahrzeuge. Nach nur ein paar Minuten haben wir uns schon hoffnungslos verlaufen. Man ist nie sicher, ob eine Gasse hinter der Ecke eine Fortsetzung findet oder in einem Hof endet. Doch die Bewohner zeigen gerne die Richtung zur Küste, dort kann man ja einen zweiten Versuch starten. Die Leute sind sehr freundlich und nicht übermässig aufdringlich. „Jambo, Jambo“, mit dem hiesigen Gruss, werden wir überall willkommen geheissen. Wir wohnen in Stone Town in einem alten Haus, das liebevoll in ein Hotel umgewandelt wurde. Ja, nicht alles ist perfekt, aber schliesslich sind wir in Afrika…… 

Wie schon gesagt ist Sansibar die Gewürze - Insel. Eine „Spice Tour“ wird allgemein empfohlen. Und wirklich, ein kundiger Führer zeigt und erklärt uns die Nutzpflanzen. Jetzt wissen wir, wo und wie der Pfeffer wächst, aber kennen auch unzählige bekannte und unbekannte Gewürze: Vanille, Muskatnuss, Gewürznelken, Zimt, Kardamom, Zitronengras, Ylang-Ylang, Ginger, Jackfruit, Litchi, Kaffee, Kakao und einige andere mehr. 
Es gibt aber auch andere Pflanzen wie zum Beispiel die Früchte von „Lip Stick Tree“ mit seinem intensiv roten Saft. Wozu er gut ist, sagt schon der Name. Afrikanische Frauen wissen ihn zu schätzen, genauso wie auch den „Soap Tree“, dessen Früchte einen intensiven Schaum erzeugen und zum waschen bestens geeignet sind. 

Wir erfahren auch viel Neues – zum Bespiel, dass der schwarze, weisse, grüne und rote Pfeffer von derselben Pflanze stammt, nur die Verarbeitung nach der Ernte ist verschieden.




Am nächsten Tag wollen wir es wissen und so fahren wir, wie die Einheimischen, mit einem Daladala. So nennt man hier eine Art Sammeltaxi. Es geht langsam vorwärts, ständig wird angehalten, Leute steigen ein und aus, Waren werden geladen und beim Empfänger abgeladen. Die Fahrt ist sagenhaft günstig, für 40 Km zahlen wir kaum einen Dollar. Dafür gibt es sehr engen Körperkontakt mit Einheimischen, denn es ist die Absicht des Fahrers, so viele Leute wie nur möglich zu transportieren. 


Beim Start sind wir 16 Personen und haben das Gefühl, dass das Gefährt ausgelastet ist. Doch unterwegs steigen sage und schreibe nochmals acht Personen mit einigen Hühnern und einer halben Ziege (letzter lebt nicht mehr) zu. Zum Glück gibt es jede Menge frische Luft (leider aber auch Staub), denn die Fahrzeuge haben keine Fenster. Unser Ziel ist das Fischerdorf Nungwi an der Nordspitze der Insel. Mittlerweile ist dort ein Ressort  mit vielen Hotels entstanden. Der Grund ist klar – ein fast unendlicher Strand mit feinstem, schneeweissem Sand. Kokospalmen und smaragdgrünes Wasser ergänzen die Idylle. Das Dorf der Einheimischen ist dagegen trist – die Hütten aus Betonböcken mit Wellblechdächern sind so verschachtelt zusammengebaut, dass wir uns bald verlaufen, denn alle sehen gleich aus. Ein kleiner Fischmarkt und die Dhau-Werft am Ufer erinnern noch an das Fischerdorf.


Wobei die Bezeichnung Werft masslos übertrieben ist, die Holzschiffe, Dhau genannt, werden ausschliesslich in Handarbeit gefertigt. Es gibt keine Elektrizität und somit keine Maschinen, nicht einmal eine Bohrmaschine. Auch kein Metermass, alles misst der erfahrene „Ingenieur“ nur mit einer Schnur ab. Drei Monate Arbeit brauchen drei Arbeiter um ein Schiff herzustellen, alles wird nur aus Holz gefertigt. Ich sehe den Arbeitern zu, wie sie die Spalten zwischen den Planken mit in Kokosöl getränkter Baumwolle abdichten, Romy filmt inzwischen mit ihrer neuen Gopro Kamera Meeresschildkröten unter Wasser.


Der Verkehr ist gelinde gesagt chaotisch. Um meine Nerven zu schonen mieten wir uns ein Auto mit Fahrer, um die Dörfer und Strände an der Ostküste zu erkunden. Dort breiten sich überall fantastische Strände aus. 


Die Bedingungen sind auch für die Kitt-Surfer günstig. Angeblich alles Geheimtipps, aber nach der Anzahl der Surfer urteilend, schon lange nicht mehr ganz geheim. Zurück in Stone Town ist die ganze Stadt auf den Beinen. Die Muslime – eine Mehrheit von über 90 Prozent auf Sansibar – feiern heute das Ende der Pilgerfahrt nach Mekka. So wenigstens haben wir es verstanden. Die Frauen haben die festlichsten Kleider angezogen, meistens sehr bunt. Doch am buntesten sind die kleinen Mädchen gekleidet – wie kleine Prinzessinnen stolzieren sie an der Hand ihrer Mütter. Überall stehen Garküchen und der Duft von gegrilltem Fleisch überdeckt alle anderen Gerüche. Bis tief in die Nacht zieht sich die Feier hin.
Die Hindus, die hier als Minderheit leben, feiern ebenfalls. Eine Gottheitstatue wird mit lauter Musik und Gesang durch die Strassen gefahren. Dabei bewerfen sich die Leute mit Farbpulver. Ich halte mich vorsichtig im Hintergrund, Romy will natürlich alles aus der Nähe fotografieren und prompt bekommt sie eine Ladung ab. Die Statue wird anschliessend im Meer versenkt, was den Leuten eine gute Gelegenheit gibt, die Farbe abzuwaschen. Romy muss allerdings warten, bis wir zurück im Hotel sind.
Für den letzten Tag haben wir uns etwas Besonderes vorgenommen, die Insel Chumbe. Sie liegt in einem naturgeschützten Gebiet, umgeben von einem Korallenriff, 90 Minuten mit dem Boot von der Hauptinsel entfernt. Aus Naturschutzgründen ist die Anzahl der Besucher begrenzt.  Als wir nach der Möglichkeit die Insel zu besuchen fragen, heisst es überall: ausgebucht. Wir versuchen es trotzdem und haben Glück. Zwei Personen, die reserviert haben, sind nicht am Pier erschienen und so können wir mitfahren. Die Insel (man kann hier auch für teueres Geld übernachten) ist ein kleines Paradies. Kein Verkehr, keine Hast dafür Strand und Wellen - ein Traum. Romy will unbedingt an der Riffkante schnorcheln und berichtet von der faszinierenden Unterwasserwelt. Viel zu schnell geht der Tag zu Ende. Am nächsten Tag bleibt uns nichts anderes übrig - wir müssen von der Insel Abschied nehmen. Mit der Schnellfähre geht es wieder zum Festland nach Dar es Salaam. Welcher Gegensatz zum Leben auf der Insel. Das meist gehörte Wort war „pole pole, was übersetzt heisst: langsam, langsam. Aber fast genau so oft hörten wir auch: „hakuna matata (mach dir keine Sorgen). Doch wir haben uns für die Schnellfähre entschieden, weil die normale Fähre schon öfters während der Überfahrt gesunken ist, wobei leider jedes Mal Hunderte von Passagieren ertrunken sind.

Morgen sollen wir in Dar es Salaam die „Rovos Leute“ treffen mit welchen wir zusammen die nächsten Wochen im Zug durch Afrika reisen werden.


Montag, 22. Juni 2015

Wie Neu

Seit unserer Rückkehr sind einige Monate vergangen. Wir geniessen das Leben in der Schweiz und verarbeiten die Erlebnisse unserer Weltreise der letzten vier Jahren. Und es gibt viel zu tun. Ein Termin steht schon jetzt fest: Romy zeigt die Multimediashow vom letzten Jahr unserer Reise (USA mit Alaska und Kanada) am 18. November 2015 bei uns in Urdorf. Weiter Termine werden folgen.
  
Die grosse Frage war, was machen wir mit dem Brummi? Einerseits hat er schon viel zu viele Jahre auf dem Buckel, schliesslich erreicht er in diesem Jahr das für ein Auto biblische Alter von sage und schreibe 28 Jahren. Anderseits hat er uns aber während der Reise treu gedient und nie im Stich gelassen. 

So gesehen war der Entscheid nicht allzu schwer, wir haben beschlossen ihn zu behalten und ihm eine "Verjüngungskur" verbunden mit einer chirurgischen Schönheitsoperation zu gönnen. Die Arbeiten sind nun abgeschlossen und der Brummi sieht aus, als ob er gerade die VW-Fabrikhalle verlassen hätte. Der Unfallschaden vom ersten Tag der Reise sowie andere Beulen, Blessuren und Kratzer sind verschwunden. Billig war es nicht, unser Garagist hat wahrscheinlich schon jetzt seinen Jahresumsatz erreicht. Aber auch er hat es verdient, hat er uns doch vor und während der Reise vorbildlich beraten. Viele Dank an Thomas und seine Mitarbeiter von www.vwbuswerkstatt.ch.


Aus Alt mach Neu:




Wie geht es nun weiter? Zuerst wollen wir, so weit es das Wetter erlaubt, den Sommer in der Schweiz geniessen. Schliesslich waren wir ja vier Jahre lang um diese Jahreszeit irgendwo in der grossen Welt unterwegs. Später wollen wir sicher wieder los ziehen, allerdings nicht mehr so lange unterwegs sein. Pläne haben wir noch genug, Fortsetzung folgt…

Donnerstag, 20. November 2014

Zu Hause

Kaum haben wir uns gemütlich in unserer Wohnung eingerichtet und die ersten Bekannten und Freunde gesehen, sind wir wieder unterwegs. Ein kurzer Flug bringt uns nach Hamburg, vom Flughafen geht es gleich weiter zum Hafen. Er ist riesig und die Orientierung nicht ganz einfach. Zum Glück hat die Firma „Seabridge“, die die Verschiffung von Brummi organisiert hat, eine gute Wegebeschreibung geschickt. Natürlich gilt es auch hier einige bürokratische Hürden zu überwinden, aber im Vergleich zu unseren früheren Verschiffungen ist es ein Klacks. Dann werde ich zum Parkplatz gefahren, wo der Brummi zwischen einigen anderen Wohnmobilen wartet. Romy muss am Hafeneingang bleiben, Sicherheitsgründe heisst es. Eine kurze Kontrolle, alles am Auto scheint in Ordnung zu sein, was ich mit meiner Unterschrift bestätigen muss. Der Angestellte wartet kurz ab, ob der Motor anspringt, dann zeigt er mir mit einer Handbewegung den Weg aus dem Hafen. Jetzt muss noch der Zoll die Nummer im System löschen, anschliessend bekomme ich meinen Pass zurück, den ich im Hafenterminal abgeben musste. Durch die nächtlichen Strassen von Hamburg fahren wir zu unseren Freunden nach Lübeck.

Nach einigen angenehmen Tagen nehmen wir die deutsche Autobahn unter die Räder. Wir fahren am Wochenende, weil da die Lastwagen nicht unterwegs sein dürfen und somit der Verkehr moderater ist. Gut ein Tausend Kilometer liegen noch vor uns. Einmal übernachten wir unterwegs. Am Zoll in Basel hole ich dann den letzten Stempel in das Zolldokument vom Auto. Wir sind wieder in der Schweiz. Am sonnigen Sonntagsnachmittag halten wir am Ortsschild „URDORF“. An diesem Schild sind wir in der Vergangenheit unzählige Mal achtlos vorbeigefahren. Jetzt ist es aber etwas Spezielles, denn der Kreis schliesst sich hier - wir sind nun endgültig zu Hause. Unser Projekt „Seidenstrasse“ ist zu Ende, das Projekt, welches zuerst nur als eine Fahrt auf der Seidenstrasse nach Tibet gedacht war und später zu einer Reise um die Welt wurde. Vier Jahre und beinahe 100‘000 Kilometer auf vier Kontinenten liegen hinter uns. Wir sind glücklich es geschafft zu haben.



Dankbarkeit kommt auf. Wir danken allen Freunden und Bekannten, die uns – virtuell – auf dieser Reise begleitet und auch anderen Reisenden, die wir unterwegs getroffen haben und näher kennen lernen durften. Ich danke Romy, dass wir alle Situationen während der Reise gemeinsam gemeistert haben. Und nicht zuletzt danke ich dem Brummi, der uns nie ernsthaft im Stich gelassen hat.

Dienstag, 21. Oktober 2014

Wieder eine Stunde weniger

Am Nordufer des St. Lorenz Stromes geht unsere Reise weiter. Wahrscheinlich nennt man dieses Gewässer vorsichtshalber Strom, denn man kann nicht eindeutig bestimmen, was es wirklich ist – ein Fluss oder doch schon das Meer? Das Wasser ist noch nicht salzhaltig, aber es gibt Ebbe und Flut wie beim Meer. Und der Strom ist sehr, sehr breit. Die Fähre, die wir später nehmen, braucht gut eineinhalb Stunden, um von einem an das andere Ufer zu gelangen. Aber zuerst fahren wir nach Tadoussac. Diese kleine Hafenstadt wird als bester Ort in ganz Kanada zur Walbeobachtung angepriesen. Aber wie könnte es anders sein - als wir kommen lassen sich keine Wale blicken. Stundenlang kreuzt das Boot umher und wir sehen nichts anderes als nur Wasser. Doch kurz bevor wir enttäuscht in den Hafen zurückkehren, ist uns das Glück hold. Neben dem Schiff taucht eine Walart auf, die wir bis jetzt noch nie gesehen haben: Belugas. Sie sind ganz weiss, allerdings erst, wenn sie ausgewachsen sind, als Babys sind sie dunkel.


Die nächste kanadische Provinz heisst New Brunswick. Zum letzten Mal stellen wir unsere Uhren um, jetzt beträgt der Unterschied zu Mitteleuropa nur noch 5 Stunden – gegenüber 10 Stunden in Alaska. Farbenprächtige Wälder begleiten uns auf unserem Weg zur Fundy Bay. Diese Bucht ist berühmt für den gewaltigen Unterschied zwischen Ebbe und Flut, der bis zu 16 Meter betragen kann.


 Wir schauen von den Klippen auf die grauen Fluten, unter uns schlagen mächtige Wellen an den Strand und auf einmal wird uns bewusst, dass wir hier am Ufer des Atlantiks stehen. Streng genommen wäre hier die Durchquerung des nordamerikanischen Kontinentes vollbracht, aber wir wollen entsprechende Feierlichkeiten erst in Halifax (dort geht es wirklich nicht mehr weiter nach Osten) zelebrieren, denn erst dort werden wir „am Ende“ angekommen sein

Doch bevor es so weit ist, machen wir einen kleinen Sprung zur Prince Edward Insel. Sie ist die kleinste der kanadischen Provinzen. Springen müssen wir aber nicht wirklich, es führt eine fast 13 Kilometer lange Brücke zur Insel. Sie soll die längste Brücke über ein Eisgewässer sein, das Meer darunter friert im Winter zu. Für die Brücke wird eine Maut verlang, eine Ausnahme in Kanada. 


Der Boden der Insel ist rötlich Erde bedeckt. Im Moment werden mit riesigen Maschinen Kartoffeln geerntet. Auch die schier unendlichen Strände und Sanddünen des Nationalparks sind rötlich gefärbt. In dieser Jahreszeit sind sie verlassen, kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Alles ist verrammelt, die Campingplätze geschlossen. Nach dem Feiertag am zweiten Montag im Oktober geht die kanadische Tourismusindustrie in den Winterschlaf. Für uns heisst es wieder wild campieren, so wie wir es in den ersten zwei Jahren unserer Reise praktiziert haben.

Nach der Rückkehr zum Festland ist es nur ein kleines Stück und wir stehen an der Grenze von Nova Scotia, der letzten kanadischen Provinz, die wir besuchen. Nach Halifax, unserm Endziel, sind es etwas mehr als 230 Kilometer. Doch wir haben noch ein paar Tage „aufgespart“ und wollen einen Umweg über Cape Breton machen, das ganz im Norden der Provinz liegt. Ursprünglich war es eine Insel, heute ist sie mit einem Damm mit dem Festland verbunden. Die Ortschaften sind keltisch geprägt und in den Pubs wird Fidel-Musik gespielt. Und es scheint uns, dass jetzt im Herbst die Laubbäume hier die schönsten Farben von ganz Kanada tragen. So haben wir uns den „Indian Summer“ vorgestellt. Die letzten Tage unserer Reise haben wir hier in der Natur, trotz einiger Regentage, nochmals richtig genossen.


In Halifax müssen wir für den Brummi einen Platz auf einem Schiff nach Europa finden. Diesmal kommt er nicht in einen Container, er fährt „roll-on, roll-off“ und das bedeutet, dass wir ihn unverschlossen im Hafen abgeben müssen. Das bereitet uns schon etwas Sorgen, aber da unsere Reise zu Ende geht, wäre es nicht so schlimm, wenn etwas verloren ginge. Nach vier Reisejahren ist sowieso nichts mehr allzu Kostbares drin. Die Formalitäten bei dem Spediteur gehen schnell vonstatten. Mit den Dokumenten fahren wir zum Hafen. Auch dort ist alles schnell erledigt. Wir geben den Autoschlüssel ab, bekommen eine Bestätigung und der Brummi einen roten Zettel mit der Anschrift „Hamburg“. Ein letzte Blick und ein stilles Dankeschön, verbunden mit der Hoffnung, dass wir ihn Mitte November wieder sehen werden. So gesehen ist die Reise noch nicht zu Ende, es bleibt noch ein „kleines“ Stück Hamburg – Urdorf, Fortsetzung folgt...

Sonntag, 12. Oktober 2014

Zur Abwechslung: Städtehüpfen

Viele Wochen sind wir durch fast menschenleere Landstriche gefahren, Natur und Einsamkeit pur. Das hat sich nun drastisch geändert. Wir sind im östlichen Teil Kanadas angelangt, dort wo die meisten Einwohner Kanadas leben. Hier liegen auch die grossen Städte des Landes: Toronto, Ottawa, Montreal und Quebec. Von Toronto geht unsere Reise in die Hauptstadt Ottawa. 


Ihre Gründung geht auf einen erbitterten Streit der Provinzen Ontario und Quebec zurück. Sie konnten sich nicht einigen wo die Hauptstadt der Föderation liegen soll – in Toronto oder in Montreal. Weder noch, hat die britische Königin damals beschieden und hat eine unbedeutende Kleinstadt an der Grenze der beiden Provinzen als der Sitz der Regierung bestimmt. 

Vielen Politikern hat diese Entscheidung gar nicht gefallen, doch gegen das Wort der Königin war nicht anzukommen. Amerikanische Journalisten spotteten damals, dass im Falle eines Angriffs auf Kanada die fremden Truppen keine Chancen hätten, weil sie die Hauptstadt in den Wäldern ja gar nicht finden würden. Doch über die Jahre erwies sich die Entscheidung der Monarchin als sehr weise. Heute ist Ottawa eine lebendige Stadt an der Sprachgrenze, auf der einen Seite des Grenzflusses wird Englisch, auf der anderen Französisch gesprochen. Symbolisch bildet sie so eine Brücke zwischen den Kulturen Kanadas. Die Regierungsgebäude, Parlament und das Oberste Gericht sind im anglo-gotischen Styl gebaut, sie sehen wie Schlösser irgendwo in England aus.

Die Provinz Quebec ist die einzige Provinz Kanadas mit Französisch als Amtssprache. Aber fast alle Einwohner sprechen auch Englisch. Die Aussprache der beiden Sprachen ist für uns etwas gewöhnungsbedürftig. Der „Indian Summer“ hat das Land nun vollends erreicht, das gelbe, orange und rote Laub der Ahornbäume strahlt fantastisch in der Herbstsonne. Aus der Ferne betrachtet sieht es manchmal aus, als ob die Wälder brennen würden.


 Wir besichtigen Montreal. Die Gassen der Altstadt sind mit Kopfsteinen gepflastert, und die Häuser und Kirchen erinnern an eine europäische Stadt. Natürlich fehlt ein moderner Teil mit Hochhäusern nicht. Hier ist es sogar möglich, unterirdisch zu wandern. Die Metrostationen und die unterirdischen Etagen der Geschäftshäuser sind mit Passagen verbunden, die eine Gesamtlänge von angeblich 35 Kilometern haben. Es sind nicht etwa nüchterne Gänge, nein, es ist alles vorhanden – Geschäfte, Restaurants, Cafés und vieles mehr, eine unterirdische Stadt sozusagen. Und es ist sicher vor allem im Winter oder beim schlechten Wetter sehr praktisch, nicht nur für die zahlreichen Passanten, sondern auch für die Obdachlosen. Sie fühlen sich, wie wir sehen, schon jetzt hier wohl.


Doch das wahre Juwel unter Kanadas Städten ist für uns eindeutig Quebec. Es ist auch kein Wunder, denn sie ist die älteste Stadt in Nordamerika und die einzige mit einer intakten Stadtmauer nördlich von Mexiko. Allein ihre Lage am Ufer des St. Lorenz-Stromes ist fantastisch und nicht ohne Grund gehört die Stadt zum Weltkulturerbe der UNESCO. Der St. Lorenz-Strom ist auch für grosse Kreuzfahrerschiffe schiffbar, sie können direkt im Hafen der unteren Stadt anlegen. Darum treffen wir hier - für diese Jahreszeit - erstaunlich viele Touristen. Über steile Gassen oder lange Treppen gelangt man in die obere Stadt mit ihrer riesigen, mit vielen alten Kanonen bestückten Festung. Sie wurde erbaut um den Schiffsverkehr am St. Lorenz-Strom zu kontrollieren und einer möglichen Invasion der USA vorzubeugen. Als wir an der Mauer entlang laufen, erschreckt uns plötzlich ein Kanonenschuss. Zum Glück ist kein Feind in Sicht, es ist nur die Mittagskanone. Alles in der Stadt ist vorbildlich renoviert und sauber, kleine Cafés und Restaurants säumen die Gassen. Französische Küche ist angesagt, ein Fastfood-Lokal sucht man hier vergebens. Trotz der schon fortgeschrittenen Jahreszeit belustigen Strassenkünstler und Musiker das Publikum.


 Noch etwas mehr als ein Tausend Kilometer trennen uns von Halifax, unserem Endziel. Der Herbst lässt die Nächte merklich kälter werden. Das stört uns nur wenig, unsere Schlafsäcke wurden ja schon im Himalaja erprobt. Nur das Aufstehen am Morgen verlangt etwas Überwindung, denn im Bus ist es dann fast genau so kalt wie draussen. Wenn es ganz schlimm wird, bieten sich als Alternative notfalls auch noch Motels an.


Freitag, 3. Oktober 2014

Das grosse Wasser

Nochmals zwei Tage im Zug und wir sind wieder zurück in Winnipeg, wo der Brummi auf uns wartet. Bei der Weiterfahrt Richtung Osten wird uns bewusst, dass Kanada - nach Russland - das grösste Land der Erde ist. Die Entfernungen sind riesig. Links und rechts der Strasse hat es Wälder ohne Ende, Orte gibt es wenige, dafür unzählige Seen, kleine und grosse. Wikipedia gibt ihre Anzahl in Kanada mit zwei Millionen an. Natürlich sind nicht alle so gross wie die fünf Grossen Seen, die Kanada mit den USA teilt. Als ersten von ihnen erreichen wir den Lake Superior. Er ist der grösste Süsswassersee der Welt, halb so gross wie die Schweiz. Hier von einem See zu sprechen ist allerdings etwas untertrieben, ein Meer wäre eine bessere Bezeichnung. Fast vier Tage fahren wir an seinem nördlichen Ufer entlang. 

Langsam kommen wir in ein Gebiet, wo Ahornbäume wachsen. Das Laub der Bäume fängt gerade an, sich zu verfärben. Es sieht schon jetzt fantastisch aus, die Einheimischen sagen uns aber, dass die wahre Pracht erst in einigen Tagen kommt. 



Auch am Lake Huron zieht der Herbst langsam ein. Wir nehmen hier eine Fähre, um uns die weite Anreise zu den Niagara-Wasserfällen ein wenig zu verkürzen. Zuerst haben wir etwas Mühe mit der Angabe unseres Reisezieles bei den Einheimischen. Mit „Niagara“ kann niemand etwas anfangen. Bald lernen wir, dass die richtige Aussprache „Najagra“ heisst und für uns erst noch  mit einer ungewohnten  Betonung. 


Und dann stehen wir da, vor uns stürzen gewaltige Wassermassen in die Tiefe. In bloss einer Sekunde würde diese Menge Wasser eine Million Badewannen füllen, erfahren wir im Visitors Centre. Wie auch immer, der Anblick verschlägt uns fast den Atem. Gewaltiges Donnern und Wassergischt erfüllen die Luft. Und diesmal haben wir sogar  Wetterglück – ein halbrunder Regenbogen spannt sich am blauen Himmel über den Hauptwasserfall. Wegen seiner halbrunden Form heisst er „Horseshoe Waterfall“. Die Grenze zwischen Kanada und den USA verläuft in seiner Mitte. Ein etwas “kleinerer“ Wasserfall liegt ausschliesslich auf amerikanischem Boden. Dorthin gelangen wir nach einer problemlosen Passkontrolle über eine grosse Brücke, die den Niagara Fluss unterhalb der Wasserfälle überspannt. 

Als ob der Blick auf die Wasserfälle schon nicht genug Attraktion wäre wird für die zahlreichen Touristen noch viel mehr geboten: In ein Regenponcho gekleidet können sie mit einem Schiff fahren, das sich mühsam gegen den reissender Strom bis zu der herabstürzenden Wasserwand wagt oder sie können zu Fuss erkunden, wie es hinter dem Wasserfall aussieht, auch ist es möglich die Fälle von einem Aussichtsturm oder sogar von einem Hubschrauber aus zu bewundern . Und wer dann genug von dieser Show hat kann sein Glück in einem Casino versuchen. Am Abend werden die Fälle farbig beleuchtet und das wollen wir uns nicht entgehen lassen. „Schade“, denken wir, „dass  heute nicht ein Freitag oder ein Sonntag ist“, dann würde sogar ein Feuerwerk geboten. Nach der Besichtigung müssen wir  zum Camping fahren und da lässt uns der Brummi im Stich. Kein einziges Licht funktioniert mehr und es ist eine dunkle Nacht. Ich versuche den Fehler zu finden, aber bei der Dunkelheit und auf der Schnelle gelingt es mir nicht. Dazu ist auf dem Parkplatz, wo wir stehen, das Parken nur bis Mitternacht erlaubt. Romy rettet die Situation und fragt bei der zuständigen Aufsichtsperson nach, ob wie hier übernachten dürfen. Nach Rücksprache mit dem Supervisor und nachdem unsere Autonummer für alle Fälle notiert wird, bekommen wir das o.k. So verbringen wir eigentlich ungewollt die Nacht nur etwa zweihundert Meter vom Wasserfall entfernt. Das Donnern des herabstürzenden Wassers erinnert mich an eine stark befahrene Autobahn aber sonst verläuft die Nacht ruhig. Am Morgen finde ich den Fehler relativ schnell – einen korrodierter Stecker an der Masseleitung.


Toronto und die zusammengewachsenen Vorstädte haben eine Ausdehnung von mehr als Hundert Kilometern. Durch diese Stadtwüste kämpfen wir uns durch, denn es gibt zur Abwechslung sehr viel Verkehr und auch Staus. Wir sind froh, als die Stadt hinter uns liegt, trotz den schönen Parks am Ufer des Lake Ontario und den vielen modernen Hochhäusern. Über Landstrassen fahren wir nun durch farbenprächtige Ahornhaine in Richtung Ottawa, der Hauptstadt Kanadas und freuen uns über die herbstliche Sonne und den fortschreitenden „Indiansummer“.