Montag, 20. Juni 2011

Hurra, wir haben es geschafft – wir sind Millionäre

Wenn ihr diesen Beitrag lesen könnt, so haben wir, respektive ein pfiffiger iranischer Hacker es geschafft, die Regierung zu überlisten. Denn „Blog.Spot-Seiten“ sind im Iran gesperrt.

Kurz vor der iranischen Grenze ziehe ich mein neues Outfit an, welches ich extra in der Türkei gekauft habe. Es ist ein bis zum Boden reichender Mantel und ein Kopftuch (siehe Bild). Nur das Gesicht und die Hände dürfen sichtbar sein, alles andere muss verdeckt werden. Das sind die Kleidervorschriften für die Frauen im Iran und wer sich nicht daran hält, macht unliebsame Bekanntschaft mir der Religionspolizei.



Vor dem iranischen Grenzübertritt haben wir etwas Bammel. Lassen sie uns etwa, trotz gültigem Visa, doch nicht einreisen? Keiner der Beamten beherrscht die englische Sprache, was die Formalitäten nicht erleichtert. Uns kommt ein junger Iraner zu Hilfe, der leidlich englisch spricht. Er wickelt die ganze Bürokratie für uns ab und wir rechnen damit, dass er uns am Schluss eine gesalzene Rechnung für seine „Dienste“ präsentieren wird. Aber was soll’s, allein hätten wir den Durchblick nicht. Das Zollgelände ist riesig und wir werden von einem Schalter zum nächsten gescheucht. Doch nach etwas mehr als einer Stunde ist der Marathon geschafft – wir haben den erforderlichen Stempel im Pass und auch im Carnet de Passage für die Einfuhr des Autos. Unser junger Helfer will zu unserem grossen Erstaunen kein Geld, lediglich, dass wir bei ihm Devisen umtauschen. Nachdem wir unsere ersten 100 Dollar gewechselt haben (Kreditkarten funktionieren hier wegen den amerikanischen Sanktionen nicht) sind wir Millionäre. Für 100 Dollar bekommen wir sage und schreibe 1,2 Millionen Rial. Wir sind also in einem Land, in dem es fast nur Millionäre gibt!  Die kleinste Note von 1000 Rial hat einen Wert von umgerechnet 7,5 Rappen. Münzgeld ist kaum noch im Umlauf. So sind die Menschen mit Bündeln von Geld unterwegs und können doch nicht viel dafür kaufen. Iran leidet unter einer starken Inflation, die seit der Machtübernahme der Regierung Ahmadinejad im Sommer 2005  im Galopp verläuft. Die Preise für Lebensmittel, Energie und andere Güter des täglichen Lebens sind stark gestiegen und sie sind für viele einfache Iraner kaum noch zu bezahlen. Einige Güter, wie z. B. Benzin sind rationiert. Ein Autofahrer bekommt 60 Liter pro Monat zu einem normalen Preis. Will er mehr tanken, muss er fast das Doppelte bezahlen. Auch wir bekommen nur den teureren Sprit, da wir als Touristen keine Zuteilung vom Staat erhalten. Doch mit einem Literpreis von 55 Rappen können wir uns nicht beklagen, vor allem, wenn wir an die Türkei zurück denken, wo wir fast das Fünffache bezahlt haben.
Die ersten Iraner mit welchen wir ins Gespräch kommen, fragen nach Whisky. Miro meint: „Eure Religion verbietet euch doch Alkohol zu trinken“. „Nein, nein, das sind nur die Mullahs“, entgegnen sie uns.
Sofort haben wir das Gefühl, dass wir im Iran gern gesehene Gäste sind. Sind wir irgendwo zu Fuss unterwegs, rufen sie uns die Menschen zu: „Willkommen im Iran, wir freuen uns, dass ihr unser Land besucht“. Kommen wir mit den Menschen ins Gespräch, wollen sie oft wissen: „ Was denkt ihr von der iranischen Politik und was hält ihr von den Iranern?“ Dann appellieren sie an uns, die Politik des Landes und seine Menschen nicht in einen Topf zu werfen. Wir kommen mit Iranern ins Gespräch, die offen ihre Unzufriedenheit mit der Regierung.  Ansprechen. Ein Angestellter im Internetcafé beschwert sich über die Kleidervorschriften. Wenn sich seine Frau nicht daran halte, bekomme sie als Strafe nie eine Stelle bei der öffentlichen Verwaltung. Im Wiederholungsfall drohe ihr gar Gefängnis. Eine junge Frau beklagt sich, dass sie keinen Job findet. „Ich habe jahrelang studiert und mich gut ausgebildet und nun bin ich arbeitslos“. Mein einziges Vergnügen ist es  mit meinen Freunden zu chaten. Ich will den Iran verlassen, aber wohin soll ich gehen“. Ja, was sollen wir dazu sagen, dass es bei uns auch arbeitslose Jugendliche gibt. Das hilft ihr auch nicht weiter. 

Immer wieder werden wir beschenkt. Als ich einen Lastwagenfahrer fotografiere, wie er auf dem Trittbrett seines Fahrzeuges mit dem Gaskocher Tee zubereitet, hebt er die Lastwagenplane hoch und beschenkt mich mit Tomaten. Die Fischer am Kaspischen Meer beglücken uns mit einem Fisch (den wir nachher ausnehmen müssen, eine neue Erfahrung). Ein anderes Mal überholt uns ein Auto und gibt Zeichen, rechts an den Strassenrand zu fahren. Der Fahrer will uns unbedingt Aprikosen geben und dazu auch noch gleich eine Flasche Wasser, damit wir sie waschen können. Begegnen wir Iranern beim Picknick, was diese sehr gerne und oft tun, laden sie uns ein und wir werden verköstigt. Der Händler am Gemüsestand will kein Geld von mir für den Einkauf. Ich habe die grösste Mühe, die Ware zu bezahlen. 

Die  Hilfsbereitschaft vieler Iraner ist einmalig. Fragen wir nach dem Weg, kommt es immer wieder vor, dass jemand mit dem Auto bis zur entscheidenden Kreuzung voraus fährt, damit wir auch ja die richtige Ausfahrt nehmen, und das, obwohl das Benzin hier rationiert ist. In den grossen Städten lassen wir das Auto möglichst stehen und fahren mit den öffentlichen Bussen zu den Sehenswürdigkeiten. Das ist kein einfaches Unterfangen, denn die Busse sind alle nur in Farsi (persisch) angeschrieben. So fragen wir uns durch und die Leute reichen uns von einem Bus zum nächsten – bis wir am Ziel sind. Der Buschauffeur auf dem Busbahnhof lässt seine Passagiere im Bus warten, um uns den gewünschten Bus am anderen Ende des Platzes zu zeigen. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.
Es gibt aber auch eine andere Seite der Iraner. Lässt man sie ans Steuer, verwandeln sie sich in sekundenschnelle zu Ungeheuern. Ich schreibe hier bewusst nur in der männlichen Form, denn Frauen hat es nur wenige, die Auto fahren, obwohl sie hier – im Gegensatz zu Saudi Arabien - fahren dürfen. Hatten wir in der Hauptstadt Georgiens das Gefühl, der Verkehr sei mörderisch, mussten wir im Iran feststellen, dass dies erst die Vorstufe zur Hölle war. In iranischen Städten ist die wirkliche Hölle. Auf einer vierspurigen Strasse fahren sieben Autos nebeneinander, niemand kümmert sich um eine Spur. Die Blinker an iranischen Autos sind eine glatte Fehlinvestition, dafür müssen sicher die Hupen mehrmals während eines Autolebens ersetzt werden. Ich falle von einer Ohnmacht in die nächste und höre dumpf zwischendurch Miro fluchen: „Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich zu Hause geblieben, kein Wunder dass ich jeden Tag mehr graue Haare kriege“. Nein, natürlich falle ich nicht in Ohnmacht, das ist nur Wunschdenken. Hier braucht es vier, besser wären sechs Augen, um in diesem Chaos alles Wesentliche mitzukriegen. Immer wieder schreie ich: „Achtung“, weil sich von rechts einer zentimeternah an unser Auto heran gemacht hat. Ich kann die Vollbremsungen, dank denen wir einer Kollision entgangen sind, schon gar nicht mehr zählen. Vielleicht würden aber auch die Iraner im letzten Moment bremsen, doch woher sollen wir diese Sicherheit nehmen. Polizisten lassen sich in den Städten nicht blicken, sie haben wohl längst kapituliert. Auf den Überlandstrassen, die übrigens ausgezeichnet sind, ist es dank des geringeren Verkehrsaufkommens etwas weniger stressig. Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Mehrmals müssen wir auf den Pannenstreifen ausweichen, weil uns ein Fahrzeug auf unserer Spur entgegen kommt. Einige haben keine Zeit zu warten, bis der Gegenverkehr vorüber ist. Zu allem Überfluss hupen viele Auto- und Lastwagenfahrer wenn wir auftauchen – einfach als Freude darüber, ein ausländisches Fahrzeug auf iranischen Strassen zu sehen. In diesem Land gibt es, umgerechnet auf die zugelassenen Fahrzeuge, acht Mal mehr Verkehrstote wie in der Schweiz – wen wundert’s.
Seit einigen Tagen habe ich einen lästigen kleinen Untermieter. Gesehen habe ich ihn allerdings noch nie, dafür umso mehr gespürt. Miete bezahlt er keine, im Gegenteil, er beutet mich regelrecht aus. Anfänglich gab ich mich der Illusion hin, dass es Moskitos sind, welche die fürchterlich juckenden Pusteln verursachen. Doch obwohl ich mich mit Antimückenmittel schier vergiftete und nur noch im Moskitonetz nächtigte, es wurde immer schlimmer. Irgendwann konnte ich es nicht länger verdrängen und musste der Tatsache ins Auge sehen: Ich hatte einen Floh. Wie war das möglich? Ich habe nie in fremden Betten geschlafen. Wo nur war der Kerl auf mich gesprungen? Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Für die Besichtigung der Moscheen reichen mein Kopftuch und der Mantel nicht aus. Nur mit einem Chador bekleidet darf ich die Gotteshäuser betreten. Diese liegen jeweils beim Eingang und jede Frau, die keinen hat, bedient sich damit. Und bei dieser Gelegenheit hat sich der Floh wohl häuslich bei mir niedergelassen. Alle meine Versuche, ihn wieder los zu werden sind bis heute gescheitert. Ich habe mehrmals die Kleider gewechselt und stundenlang geduscht, nichts hat geholfen. Im Bett unseres Busses kann er auch nicht verstecken, denn ich werde auch tagsüber attackiert. Inzwischen sehe ich aus als hätte ich Masern und Röteln gleichzeitig. Wie hoch ist wohl die Lebenserwartung eines Flohs? Das sind ganz neue Fragen, Fragen die ich mir in meinem bisherigen Leben noch nie gestellt habe. Ist mein Untermieter vielleicht gar ein schwangeres Weibchen und deshalb besonders hungrig? Wie viele Eier legt ein Floh? Und wie hoch ist die Kleinflohkindersterblichkeit? Bei der ausgiebigen Nahrung von mir dürfte sie gering sein. Auch meine Hoffnung, dass der Floh irgendwann auf Miro überspringt, hat sich bis jetzt nicht erfüllt. Er ist mir treu ergeben.
Nach einigen Tagen im Iran, stelle ich fest, dass die Kleidervorschriften der Frauen in der Praxis nicht mehr so eng sind. Vor allem junge Frauen nehmen sich Freiräume. Oft tragen sie das Kopftuch als modisches Accessoire und sie lassen keck ein paar Haarstränen hervor schauen. Die taillebetonten Mäntel reichen noch knapp bis zu den Knien und darunter tragen sie enge Jeans. Ich habe es ihnen gleich getan und mir eine Hemdbluse mit langen Ärmeln, die bis zu den Knien reicht, gekauft. Bis jetzt hat mich die Religionspolizei nicht behelligt, und wenn schon, ich will ja keinen Job bei der iranischen Verwaltung. Mindestens die Hälfte der iranischen Frauen trägt allerdings einen Chador – auch viele junge Frauen – obwohl das von der Regierung gern gesehen, aber nicht vorgeschrieben ist. In meinem Mantel habe ich es schlicht nicht mehr ausgehalten. Seit Tagen haben wir über 40 Grad und das, obwohl wir uns immer auf einer Hochebene von ca. 1500 Metern bewegen. Fast drei Viertel Irans sind Wüste und die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel. Auch in der Nacht fallen die Temperaturen nicht unter dreissig Grad. Unser Denken wird hauptsächlich von einem Wort beherrscht: SCHATTEN, wo gibt es den nächsten Schatten?

Morgen starten wir zur Durchquerung der Kavir-Wüste. Es erwarten uns 700 Kilometer Sand, Geröll und Hitze in einem fast menschenleeren Gebiet.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Der Fünfer und das Weggli.

Viele Bekannte haben mit uns gebangt und uns viel Glück gewünscht. Es geht um das leidige Thema „Iran Visum“, das uns (auch bei Miro) schlaflose Nächte gebracht hat. Drei mal wurde uns das Visum von der iranischen Botschaft in Bern verweigert, trotz des Einschaltens einer Visa Agentur. Ein Plan „B“ war nötig, und das war die  Route über Georgien, Aserbaidschan und dann mit der Fähre über das Kaspische Meer nach Turkmenistan. Aber uns den Iran mit den schönen Baudenkmälern und seiner reichen Kultur (trotz Chador für Romy) entgehen zu lassen – nein, das wollten wir auf keinen Fall. Also ging unser Kampf weiter. Von unterwegs wurde eine iranische Agentur beauftragt, die Authorisationsnummer, ohne die es kein Visum gibt, beim Aussenministerium in Teheran zu beantragen. Das Hoffen und Bangen ging also weiter, der Antrag wurde wieder abgelehnt. Im Lonely Planet Forum schreiben viele Enttäuschte: „Einmal abgelehnt, immer abgelehnt“ und es schien der Wahrheit zu entsprechen. Doch mit dieser „Iranvisa.com – Agentur“ haben wir einen guten Riecher gehabt. Diese Leute gaben sich nicht geschlagen und haben sofort ein Widererwägungsgesuch gestellt. Mittlerweile waren wir schon in Erzerum und versuchten dort auf dem iranischen Konsulat unser Glück. Der Konsul teilte uns freundlich aber bestimmt mit, dass er uns ohne diese ominöse Nummer kein Visum ausstellen darf. Enttäuscht wollten wir schon Richtung Georgien abreisen. Bevor wir aber Erzerum verliessen wurde noch die E-Mail – Box gecheckt und siehe da – die alles entscheidende Nummer aus Teheran war da!

Sofort gingen wir zurück zum Konsulat und nachdem man uns um  150 Euro  „erleichtert“ hatte war das lange ersehnte Visum im Pass. Nun aber kam  Romy eine neue Idee, eben „den Fünfer und das Weggli“, das heisst, nicht direkt aus der Türkei in den Iran einzureisen, sondern eben über die Länder aus dem Plan „B“ zu fahren. Schliesslich hatten wir ja bereits Geld in Visa für diese Staaten angelegt. Also fuhren wir Richtung Norden nach Georgien. Das Passieren der Grenze war ein Kinderspiel. Die Grenzbeamten machen von jedem von uns ein Foto, für was auch immer (vielleicht für ihr privates Fotoalbum)? Es gibt noch Stacheldraht und Wachtürme, die nun still vor sich hin rosten, aus der Zeit, als Ost und West hier eine gemeinsame Grenze hatten,. Georgien, eine ehemalige sowjetische Republik, ist seit 1991 ein selbständiger Staat. Wegen des Konfliktes mit Russland über die abtrünnige Regionen Süd Ossetien und Abchasien steht das Land in den Schlagzeilen und dazu werden pünktlich zu unserer Einreise Unruhen im Land gemeldet. Was wartet hier auf uns?  Die Armut ist auffällig. Viele Fabriken und ehemaligen Kolchosen sind nur noch Ruinen, halb zerfallen, alles Brauchbare abmontiert - es sieht aus wie nach dem Krieg. Geschwindigkeitsbegrenzungstafeln braucht es in diesem Lande keine. Die zahllosen Schlaglöcher in den Strassen (so die denn diese Bezeichnung verdienen) sorgen automatisch für eine angemessene Fahrweise. Es gibt wenige Neubauten, man sieht dem Land den wirtschaftlichen Niedergang sofort an. Alles wirkt marode und verkommen. Doch die Leute machen solche Unzulänglichkeiten mit ihrem freundlichen Wesen und ihrer Hilfsbereitschaft wett. Miro kramt seine bescheidenen Schulkenntnisse der russischen Sprache aus der Hirntruhe und siehe da, eine Verständigung ist möglich. Allerdings sind es eher ältere Leute, die noch russisch sprechen, die junge Generation lernt nicht mehr russisch in der Schule.
Wir besuchen die Höhlenklöster bei Vardzia in einer riesigen Felswand. Generationen von Mönchen haben hier unzählige Höhlen gegraben. Ein Teil davon wird von ihnen heute noch bewohnt. Wir kommen gehörig ins Schwitzen, denn es ist fast eine Kletterei um auch die oben gelegen Höhlen und Felsenkirchen zu erreichen.
Um in die Hauptstadt Georgiens zu gelangen, fahren wir eine kleine Strasse, die  über einen 2400 Meter hohen Pass führt. Unten bei der Abzweigung fragt Miro mehrmals nach den Pistenverhältnissen. Von verschiedenen Personen wird bestätigt, dass der Pass offen ist, also fahren wir los. Die bittere Wahrheit kommt  nach mehr als 30 km übelster Piste ans Tageslicht. Oben liegt noch meterweise Schnee, ein Durchkommen ist unmöglich. Dafür ist dann die längere Strasse sehr gut ausgebaut. Unterwegs kommen uns riesige Schafherden entgegen, oft mehrere Hundert Tiere laufen den Leitschafen hinterher. Esel und Maultiere tragen die Ausrüstung, die Hirten hoch zu Ross, haben alles im Überblick. Sie ziehen zu den Sommerweiden hoch im Gebirge.


Tbilisi begrüsst uns mit  Verkehr für den es nur ein passendes Wort gibt: MÖRDERISCH. Die Autofahrer scheinen sich um keine Verkehrsregel zu kümmern, falls sie überhaupt welche kennen. Es gilt nur vorwärts zu kommen, so schnell wie möglich. Und nur wer starke Nerven hat, kann hier bestehen. Es wird gedrängt, rechts überholt, den Weg abgeschnitten, wild gehupt, kurz - für einen erzogenen Schweizer Autofahrer ein reiner Horror, der den Adrenalinspiegel in ungeahnte Höhen treibt. Dazu gibt es in der ganzen Stadt keinen einzigen Wegweiser. Es grenzt schon an ein kleines Wunder, dass Miro unseren demolierten Bus und uns hier heil durch bringt.
Georgien möchte sehr gerne in die EU. Doch das ist noch ein sehr weiter Weg. Vielleicht ist das der Grund, dass bei allen öffentlichen Einrichtungen schon jetzt die EU Fahnen wehen. Wenigstens so tun als ob, und hoffen der Wunsch gehe irgend einmal in Erfüllung…….
Auf der Fahrt in Richtung Aserbaidschan wollen wir auf einem Hügel mit einem mehreren Meter hohen Kreuz übernachten. Doch oh je, schon bald kommt die Polizei. Auf unsere Frage, ob wir hier über Nacht stehen können, antworten sie zu unserem Erstaunen: „Ja, das ist überhaupt kein Problem“. Dann schenken sie uns eine Flasche Mineralwasser, echt georgisches, wie sie betonen und später bringen sie uns auch noch Eis, natürlich ebenfalls echt georgisch.
Am nächsten Tag dann die neue Grenze, wir betreten die zweite ehemalige Sowjetrepublik, indem wir in Aserbaidschan einreisen. Der Zöllner schaut in unser Auto und fragt: Ist das nun ein Auto oder ein Haus?“ „Ein Autohaus“, gebe ich ihm zur Antwort und damit gibt er sich zufrieden. Haben wir bis jetzt auf unserer Reise oft gefroren (ich musste wochelang die langen Unterhosen montieren) wird es hier schlagartig hiess, über 35 Grad. Sofort merkt man, dass hier ein anderer Wind weht. Das Land hat grosse Öl und Gasvorräte, es ist also  reich. Überall sind neue Gebäude, neue Strassen, neue Autos. Geldautomaten an jeder Strassenecke. Für uns sehr erfreulich, das Benzin kostet nur etwa 65 Rappen, (im Gegensatz zu der Türkei, wo wir Fr. 2.55 für einen Liter berappen mussten), da macht das Tanken noch Freude. Um die Tankstellen sind Rosengärten angelegt, eine wahre Augenfreude. Zuerst fahren wir am Kaukasus entlang, wo es schön grün ist.  Doch je mehr wir uns der Hauptstadt Baku nähern, desto wüstenartiger wird die Landschaft. Die Autofahrer in Baku haben ungefähr den gleichen Fahrstil wie die Georgier.
Wahrscheinlich sind sie bei ihnen in der Fahrschule gegangen. Etwas haben sie aber irgendwo anders gelernt – zu unserem grössten Erstaunen  wird am Fussgängerstreifen angehalten! Doch wie wir feststellen, alles haben sie noch nicht so gut im Griff. In nur 10 Minuten sehen wir auf der Stadtautobahn drei Unfälle. Bei einem gehen die beiden Fahrer der ziemlich üblich zugerichteten Autos mit den Fäusten aufeinander los – und das mitten auf der Autobahn. Einer der Kampfhähne blutet im Gesicht. Ich kann nicht sagen, ob es vom Unfall oder vom Ringkampf ist.  In Baku schicken wir Christine, mit welcher wir Tibet bereisen wollen, eine SMS. Vielleicht ist sie ja irgendwo in der Nähe. Und siehe da, sie antwortet, dass sie in ungefähr einer Stunde ebenfalls in der Hauptstadt sein wird. Es dauert dann allerdings über vier Stunden, denn sie hat den Verkehr hier unterschätzt. Die Wiedersehensfreude ist gross. Wir verbringen zusammen einen Tag an einem Strand am Kaspischen Meer, bevor sie mit der Fähre nach Turkmenistan übersetzt. Wir fahren zur iranischen Grenze. Ein neues Land – ein neues Abenteuer kommt auf uns zu. Wir haben also den Fünfer und das Weggli bekommen: Georgien, Aserbaidschan und nun reisen wir in Iran ein. Eine Frage beschäftigt uns aber: Werden uns die Mullahs gut gesinnt sein?

Mittwoch, 25. Mai 2011

Baby on Board.

Hilfe, wir haben ein Baby bekommen. Es ist über Nacht passiert – so wie es im Leben halt manchmal vorkommt. Spass beiseite, wie schon im letzten Beitrag erwähnt, haben wir Jan und Liliane mir 8-monatigen Tochter Lola getroffen. Sie sind aus Basel, fahren ein Landrover und wollen 2 Jahre unterwegs sein. 3 Monate haben sie schon geschafft. Man kann ihre Abenteuer auf http://www.blog.jan-kunz.net/ verfolgen. Sie haben an der Grenze zum Iran für etwas Aufregung im grauen Grenzbeamtenalltag gesorgt. Einer, wie sich später gezeigt hat, falschen Information folgend, haben sie gehofft, ein Transitvisum direkt an der Grenze für den Iran zu bekommen. Die Iraner haben aber njet gesagt und sie mussten umkehren. Der Fall, dass ein Auto am gleichen Tag aus- und wieder einreist ist aber im türkischen Computer System nicht vorgesehen. Man hat sich aber beim Tee irgendwie geeinigt und so hatten wir unsere „Kinder und Grosskinder“ schon bald wieder. Die Einheimischen nehmen an, wir seien die Grosseltern von der achtmonatigen Lola. Da es in ihrem Landrover sehr wenig Platz hat und draussen recht kalt ist, viel regnet oder beides, sitzen wir oft in unserem Bus zusammen. Die kleine Lola spielt vergnügt, es gefällt ihr anscheinend bei uns, und ich glaube bei Romy einen Anflug von Grossmuttergefühlen entdeckt zu haben. Es wurde schon immer die Frage diskutiert, Reisen mit kleinen Kindern, ja oder nein. Wenn wir aber sehen, wie das Baby überall zum Mittelpunkt wird, würden wir die Frage bejahen. Unsere Namen (das nervende: „what is your name“) interessieren niemand mehr, es wird nur nach dem Namen von Lola gefragt. Sie wird von einer Hand zur anderen gereicht. Sogar junge Männer sorgen sich rührend um die Kleine. Für die Mutter ist es in unseren Augen schon stressig mit so einem kleinen Kind zu reisen, aber Liliane, die die kleine Lola noch stillt, meistert es hervorragend.


Nach Erzerum, zum iranischen Konsulat fahren wir verschiedene Wege. Wir haben den Weg über die Berge gewählt. Die Strecke ist sehr schön, die Strasse weniger und ausserdem regnet es wieder ausgiebig. Wir schaffen die Etappe gut, allerdings ist das Auto voll mit Schlamm bespritzt, die ursprüngliche Farbe ist kaum noch zu erkennen. In völliger Einsamkeit übernachten wir  an einem Pass, etwa 2300 Meter hoch. Die Nachttemperatur ist entsprechend, nämlich saukalt. Am nächsten Tag scheint die Sonne. Das Auto bekommt bei einem Bach eine Wäsche verpasst, während Romy Blumen und Schmetterlinge fotografiert.

Kurz vor dem Mittag sind wir in Erzerum. Unterwegs haben wir auch Jan und Liliane wieder getroffen. Ich glaube, die kleine Lola hat uns sofort wieder erkannt. Wir besichtigen die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Erzerum ist nicht allzu gross, übersichtlich und die Leute sind jederzeit hilfsbereit. Auch ist, was bei uns wahrscheinlich niemand weiss, Erzerum der grösste Skiort der Türkei. Riesige Hotels im Chaletstil stehen etwa 5 km von ausserhalb, mit allem was dazu gehört: Skilifte, Pisten, Loipen und Springschanzen. Nun sind die Lifte nicht mehr in Betrieb, auch wenn weiter oben noch genug Schnee liegt. Wir finden einen schönen Übernachtungsplatz in einer Picknick Area und harren der Dinge, die morgen kommen werden.

Heute gehen wir, fein angezogen, zum iranischen Konsulat. Dort erfahren wir, dass uns der Konsul ohne Bewilligung aus Teheran nur ein siebentägiges Transitvisum ausstellen darf. Jan und Liliane entscheiden sich für diese Variante, wir wollen noch zwei Tage länger warten. Vielleicht geschieht doch das Wunder und unsere Einsprache wird in Teheran (wo unsere Anträge schon mehrmals abgelehnt wurden) gutgeheissen.

Das sollen wir aber erst morgen erfahren, wie uns die Visa-Agentur per E-Mail bekannt gibt.
Am späten Nachmittag haben unsere Freunde das Transitvisum im Pass. Wir treffen uns an unserem Übernachtungsplatz, sitzen lange im unserem Syncro- Bus und reden über Gott und die Welt. Ob die kleine Lola von unserem Gespräch etwas versteht? Sie lächelt nur, dann wird es schon in Ordnung sein.

Freitag, 20. Mai 2011

Besuch in einem kurdischen Dorf

Geschrıeben von Romy
Heute wollen wir das Heimatdorf einer kurdischen Familie besuchen welche ich jahrelang in der Schweiz betreut habe und zu der auch heute noch ein guter Kontakt besteht. Sie haben mir im Laufe der Jahre so viel von ihrem Dorf erzählt, dass ich – jetzt wo wir so nah sind – diesen Ort unbedingt mit eigenen Augen zu sehen will.
Doch vorerst ist es gar nicht so einfach ein so kleines Dorf im riesigen Kurdistan ausfindig zu machen. Ich weiss nur den Namen und dass es in der Nähe von Elbistan liegt. Doch was heisst  in der Nähe? Hier wird mit andern Massstäben gerechnet wie in der kleinen Schweiz. Ist es 5 oder 50 Kilometer von der Stadt entfernt? Wir fragen uns durch und finden immerhin heraus, dass es 30 Kilometer in Richtung Südosten liegt.  Nicht aufgeben ist die Devise und tatsächlich finden wir das Dorf. Es besteht nur aus ein paar wenigen Häusern, an einem Hang auf 1400 Metern in einer rauen Landschaft gelegen. Wir haben das Glück, dass wir einen englisch sprechenden Mann treffen und von ihm erfahren wir einiges. Er arbeitet als Lehrer in Elbistan und kommt nur an den Wochenenden hierher, wo er ein kleines Haus, einen Garten und ein paar Hühner sein Eigen nennt.


Natürlich werden wir sofort zum Cay, dem türkischen Tee eingeladen. Mahmut erzählt uns, dass zwei seiner Kinder im Ausland leben und dass er sehr froh darüber ist. Nach seiner Ansicht haben die Kurden keine Zukunft in der Türkei, obwohl er eingestehen muss, dass sich die Situation in den letzten 10 Jahren etwas verbessert hat. Immerhin dürfen sie jetzt ihre eigene Sprache sprechen und ihre Musik hören. Doch das reicht bei weitem nicht. Der Osten der Türkei ist - im Gegensatz zum Westen - unterentwickelt. Es gibt hier kaum Industrie.

Bei einem Spaziergang durchs Dorf sehen wir erst, wie viele Häuser verfallen sind. Es leben nur noch fünf Familien hier, alle anderen sind abgewandert. Das Haus „meiner“ Kurdenfamilie ist aber nicht im Dorf direkt, sondern etwas ausserhalb in einem Weiler. Also machen wir uns auf den Weg dort hin und werden tatsächlich fündig. Vier Häuser stehen hier, doch welches gehört ihnen nun? Wir finden einzig eine alte Frau, die auf dem Boden sitzend aus Hülsenfrüchten die Bohnen ausschält. Ich frage nach Mehmet Polat und sie deutet stumm in eine Richtung.  Doch damit kann ich nicht viel anfangen und gehe erst einmal zurück zum Auto. Es dauert nicht lange und eine andere Frau mit einem Kind taucht auf. Freudestrahlend ruft sie: „Mehmet Polat“ und deutet auf sich. Dabei drückt sie mich an ihren grossen Busen, dass mir angst und bange wird, ich könnte nicht mehr genügend Luft bekommen, wenn sie mich nicht bald loslässt. Dazu küsst sie mich ab und will mich gar nicht mehr loslassen. Auch Miro erfährt die gleiche Behandlung – keine Spur von Hemmungen gegenüber dem starken Geschlecht. Wenn ich ihren Wortschwall richtig deute ist sie die Schwester von Mehmet Polat. Wir müssen sofort in ihr Haus und werden mit heisser Milch und löslichem Kaffee bewirtet. Leider ist eine Verständigung nicht möglich da ich nur ganz wenige Brocken kurdisch verstehe und sie keine englisch spricht. Doch bald ist auch dieses Problem gelöst. Ali, der seit 20 Jahren in Basel lebt, wird „organisiert“. Er ist für einige Zeit hier bei seiner 96-jährigen Mutter. Mehmets Schwester kocht uns ein typisch kurdisches Gericht: Bulgür, eine Getreideart ähnlich wie Cuscus, mit Poulet und Tomatensalat. Es schmeckt köstlich. Zur Vorspeise kauen wir an frischen Kräutern mit Zwiebelgeschmack, die eben auf dem Feld geerntet wurden und dazu gibt es dünnes Fladenbrot.

Später trinken wir türkischen Kaffee bei Ali`s Mutter. Sie wohnt in einem alten Haus, doch alles ist blitz-  blank sauber. Wir sitzend direkt auf dem Boden auf Teppichen, im Rücken ein Kissen. In der Mitte des Raumes verbreitet ein kleiner Holzofen wohlige Wärme. Die alte Frau „managt“ ihr Leben ganz alleine, für uns eine beeindruckende Leistung. Ihre neun Kinder sind im Ausland oder im Westen der Türkei. Einmal pro Monat fährt sie mit dem Bus nach Elbistan um ihre kärgliche Rente von Fr. 60.— abzuholen. Auch sie umarmt und küsst uns herzlich zum Abschied. Mehmets Schwester will uns gar nicht mehr fahren lassen, doch wir fotografieren noch Mehmets Haus und ziehen, dankbar für die herzlichen Begegnungen, weiter. Nun sind konkrete Bilder aus jahrelangen Erzählungen und Fantasien entstanden.

Fast im Iran Heute am 20. Mai sind wir in der Grenzstadt Dogubayazit, nur noch
35 Km von der iranischen Grenze entfernt. Fast alle Geschäfte sind geschlossen. Wir erfahren, dass dies ein Protest ist gegen die Erschiessung von acht Menschen durch die Armee in Hakkari, im Süden Kurdistans.
Seit gestern reisen wir zusammen mit einem Paar, welches mit ihrem 8-monatigen Kleinkind auf einer zweijährigen Reise ist. Sie haben ebenfalls in der Schweiz kein Visum für den Iran bekommen. Nun wollen sie direkt zur Grenze fahren und versuchen eine Transitgenehmigung zu erhalten. So haben wir kurzerhand beschlossen, gemeinsam bis in diese Grenzstadt zu fahren und hier abzuwarten, ob sie es schaffen. Nach nur drei Stunden kehren sie enttäuscht zurück.
Man hat sie aufgefordert 400 Kilometer nach Erzerum zu fahren, wo es ein iranisches Konsulat gibt. Das wird nun auch unser Schicksal sein. Viel Hoffnung haben wir nicht mehr. Wir haben unterwegs nochmals über ein iranisches Reisebüro versucht den begehrten Stempel zu erhalten. Doch es hat nicht geklappt, das Aussenministerium hat den Antrag abgelehnt. Trotzdem wollen wir es in Erzerum nochmals probieren, zumal diese Stadt an der Strecke nach Georgien liegt, es für uns also kein grosser Umweg ist. Dort wollen wir auch einen Versuch starten unser Auto ausbeulen und neu spritzen zu lassen. Mal sehen ob wir etwas erreichen – handullha.

Sonntag, 15. Mai 2011

Wir gehen in die Luft!

Geschrieben von Miro

Nein, es ist uns nicht wieder etwas Unangenehmes passiert, worüber wir uns aufregen würden, nein, aber wir gehen wirklich in die Luft. Doch der Reihe nach. Wir haben uns sehr grosse Mühe gegeben, fast alle Altertümer an der türkischen Küste zu besichtigen. Überall, wo schon die alten Griechen, Römer oder wer auch immer gehaust hat, waren auch wir. Laut prukvolle Namen wie: Troja, Pergamon und Efesus unter anderen. Tausende von Jahren schauen auf euch herab, würde ein Eroberer sagen. Alles grosse, schöne Steinhaufen, mit welchen sich heute wunderbar viel Geld verdienen lässt. Es muss schon etwas daran sein, denn die Tausenden von Besuchern jeden Tag können sich nicht irren.

Die Mittelmeerküste ist schön, leider aber auch schon grösstenteils überbaut. Trotzdem finden sich auch heute noch schöne Orte, wo man ungestört allein am Wasser verweilen kann. Die – laut Einheimischen ungewöhnliche Kälte - hält uns davon ab, auch nur den grossen Zehen zu baden.
Der Verkehr hält uns im Trab. Zwar sind die Strassen vorwiegend gut ausgebaut, doch die Durchfahrten grösserer Orte geraten oft zum Geduldspiel. Darum entscheiden wir uns Izmir grossräumig zu umfahren, was auf einem Autobahnring gut möglich ist. Natürlich nicht gratis, versteht sich. Die Zahlstellen sind voll automatisiert, kein Mensch weit  und breit. Unbeholfen wie wir sind und in Unkenntnis vom hiesigen System, gelingt es uns nicht bei der Einfahrt dem Automaten ein Ticket   zu entlocken, welches aber bei der Ausfahrt ein anderer Automat unbedingt haben will. Sonst macht er stur die blöde Schranke nicht auf. Logisch. Hinter uns stauen sich bereits Autos. Ein Gehupe geht los. Wir müssen rückwärts aus der Spur herausfahren. Aber halt, da ist noch eine andere Ausfahrtspur ohne Schranke, dort versuchen wir unser Glück. Ein höllischer Alarm ertönt, aber da sind wir schon durch. Ob wir eine gesalzene Rechnung in die Schweiz zugestellt bekommen?
Pamukalle blendet uns mit weisen Sinterterrassen, aus der Ferne erinnert es an verschneite Hänge.

Es sind Ablagerungen vom stark kalziumhaltigen Wasser. Die heilende Wirkung dieses Wassers haben schon die alten Römer gekannt und hier so etwas gebaut, was man heute ein Kurort nennen würde. Davon ist auch hier ein schöner Steinhaufen geblieben, mit welchem sich das Geld wunderbar verdienen lässt. Aber das haben wir schon gehabt….
Wir haben einfach Wetterpech. Es ist kalt und sehr windig, dann regnet es zur Abwechslung in Strömen. Rund herum Berge mit verschneiten Gipfeln. Ja, hageln tut es auch manchmal. Nur die Sonne sehen wir wenig und wie immer beschwert sich Romy beim Fotografieren über das schlechte Licht bei mir – als könnte ich daran etwas ändern.
Und nun geht unsere Geduld zu Ende und wir gehen in die Luft! Nicht des schlechten Wetters wegen, sondern wirklich. In Göreme, im Herzen Kappadokiens, leisten wir uns einen Ballonflug über die wunderschöne Landschaft. Es geht morgen sehr früh los. Und es ist nicht ein Ballon, der zum Start vorbereitet wird, es sind vielleicht 40 oder sogar noch mehr. Überall in der Landschaft steigen riesige bunte Kugeln zum Himmel. Ballonfliegen – oder heisst es richtig Fahren – ist das grosse Geschäft hier, von etwa einem Dutzend Firmen wird es angeboten. Wenn sie alle am Morgen mit den Geländewagen und der Ausrüstung zum Startplatz fahren, sieht es aus, als würde eine grosse Armee in den Krieg ziehen. Inzwischen ist auch unser Ballon startklar, wir klettern in den Korb und bald heben wir sanft ab. Die Landschaft von oben ist spektakulär aber die Ballone rund um uns - so weit das Auge reicht - sind es noch mehr. Etwa eine Stunde dauert der Flug, wir haben genug Zeit die fantastischen Formen, die hier die Erosion aus dem weisen Vulkangestein geschaffen hat, zu bewundern. Dann landen wir etwas unsanft auf einem Acker. Für die Überlebende gibt es ein Glas Sekt und eine Urkunde.
Und kaum gelandet, fängt es wieder an zu regnen.


Dienstag, 10. Mai 2011

Mit einem Fuss in Asien

 Nun haben wir heute, am 8. Mai, den alten Kontinent verlassen. Wie in alten Zeiten, mit einer Fähre über die Dardanellen. Asien liegt nun vor uns, scheinbar unendlich. Ob wir das von uns erträumtes Ziel erreichen werden? Die Zukunft wird es bringen. Jetzt wenden wir uns der Vergangenheit zu. 
Am Montag, dem 2. Mai, sind endlich unsere Pässe mit dem letzten Visum gekommen. Schnell haben wir die restlichen Sachen gepackt um am nächsten Tag startklar zu sein. Aber auch dann ist uns ständig etwas eingefallen, was noch eingepackt oder erledigt werden muss. Erst um Mittag konnten wir losfahren. Halt, nicht direkt, sondern zum Strasseverkehrsamt um Romy’s  Autonummer abzugeben. Der brave  Fiat Punto wird auf uns warten…
Den Weg über den Gotthard nach Italien müssen wir nicht näher beschreiben, jeder kennt den Verkehr auf italienischen Autobahnen. Nach etwa 500 km haben wir endgültig genug und suchen eine Raststätte um dort versteckt zwischen den Lastwagen die Nacht zu verbringen. Das wird uns zum Verhängnis. Die Nacht haben wir einigermassen ruhig überstanden, aber am Morgen, als wir gerade am Aufstehen sind, kracht es. Kein Zweifel – ein Auto hat uns angefahren. Ich springe, nur mit der Unterhose bekleidet und barfuss nach draussen,  den strömenden Regen ignorierend. Ein LKW hat  die halbe Seite unseres Autos gerammt. Der Schaden beläuft sich mit Sicherheit auf ein paar Tausend Franken. Die ganze Vorfreude auf  die Reise ist verflogen, die Stimmung in Sekundenschnelle auf einem Tiefpunkt angelangt. Die Gedanken rasen. Sollen wir umkehren? Es kann Tage oder Wochen dauern, bis alles mit der Versicherung geregelt und das Auto repariert ist. Dann wären unsere mühsam erkämpften Visa’s verfallen. Die Fähre ist gebucht. Ja, der Schaden sieht zwar schlimm aus, aber der Fahrtüchtigkeit macht er keinen Abbruch. Wir nehmen den Schadenfall auf, fotografieren die Beweisstücke (im Wissen, dass wir vielleicht nie etwas von der Versicherung bekommen werden, da das Auto laut unserem Plan erst in drei Jahren wieder in die Schweiz kommt) und fahren weiter nach Ancona. Doch zuvor übermale ich das zerkratzte, nackte Blech wie wild mit Farbe, so als könnte der Schaden dadurch ungeschehen gemacht werden. Gleich am Anfang der Reise so ein Pech zu haben, beschäftigt uns natürlich sehr. Frust macht sich breit.
Von Ancona nach Igumenica haben wir  „Camping on Board“ gebucht, eine tolle Sache – die Annehmlichkeiten der Fähre nutzen können und im eigenen Bett schlafen.
Am Morgen des nächsten Tages sind wir in Griechenland. Zuerst besuchen wir Meteora Klöster, die an hohen, steilen Felsen erbaut wurden. „Im Himmel schwebend“ heisst es sinngemäss übersetzt. Früher waren die Klöster praktisch für jeden Angreifer unerreichbar. Nur in einem Korb hat man sich aufziehen lassen können - falls man denn als Besucher willkommen war. Das ist natürlich heute anders, die Busse bringen ganze Ladungen von Touristen bis vor die Tür, dann gilt es nur noch einige Treppen zu überwinden und natürlich noch ein Kassenhäuschen…


Um noch mehr Kloster zu sehen, statten wir noch dem Berg Athos im Nordosten Griechenlands einen Besuch ab. Das mit dem Abstatten stimmt nicht so genau – der Berg Athos hat seit dem Mittelalter einen speziellen Status. Allen weiblichen Wesen ist der Zugang verwehrt, die Männer dürfen schon, aber nur wenn sie ein besonderes Interesse an der griechisch – orthodoxer Religion nachweisen können. Als Ausweg werden Schiffrundfahrten um die heilige Halbinsel angeboten. Bequem können alle – Frauen inklusive, die auf steilen Küstenfelsen gebauten Klöster bewundern. Dazu teilt eine freundliche Stimme aus dem Lautsprecher mit, wie viele Mönche in dem betreffenden Kloster leben und wie viel heilige Bücher sich in der Klosterbibliothek befinden. Ohne Spass, die Klöster sind wirklich einmalig und mit Recht in der UNESCO Weltkulturerbeliste eingetragen.
Es folgt die Weiterfahrt über die streng bewachte EU – Aussengrenze. Die Kontrollen halten sich aber im Rahmen. Auf der türkischen Seite wird das Auto in den Pass eingetragen und schon haben wir die Schranke passiert und fahren Richtung Istanbul. Bald aber verlassen wir die Autobahn, denn wir wollen die Türkei an der Mittelmeerküste erfahren. Die Fähre über Dardanellen bringt uns unspektakulär nach Asien.
Nach Asien, wo das Abenteuer beginnt… 

Montag, 2. Mai 2011

Endlich - es geht los…

Hurra, heute, 2.Mai haben wir die Pässe mit dem letzten Visum für Aserbaidschan erhalten. Da alles schon länger - spätestens seit dem Abschiedsapéro am Freitag Abend - mehr oder weniger vorbereitet ist, fahren wir morgen, am 3. Mai los!
Zuerst gibt es nicht viel Aufregendes zu berichten, es geht über den Gotthard nach Italien. Von Ancona mit der Fähre (Camping on Bord ist angesagt) weiter nach Igumenica. Dann Richtung türkischer Grenze, nicht ohne unterwegs einige der berühmten Sehenswürdigkeiten Griechenlands gesehen zu haben…
Der Stress hat uns noch nicht ganz verlassen. Dauernde fällt uns noch irgend etwas ein, was erledigt werden muss. Romy bäckt noch einen grossen Kuchenvorrat für unterwegs. Ich glaube, er wird bis Anatolien reichen. Obwohl wir schon seit Tagen packen, werden wir sicher irgend etwas zu Hause vergessen.
Wir danken allen, die am Freitag zu der Abschiedsparty gekommen sind. Wir freuen uns sehr, dass die langen Monate der Vorbereitungen hinter uns liegen und wir beginnen können, unseren Traum zu verwirklichen.
Danke für das Daumenhalten.
Romy & Miro